Materialität und Haptik

Daniel Dalla Corte • 12. Februar 2026

Materialität und Haptik: Die Sprache der Oberflächen

Lesezeit: ca. 8 Minuten | Aktualisiert: 10. Februar 2026


Materialität und Haptik beschreiben die sinnlich erfahrbaren Eigenschaften von Baumaterialien – ihre Textur, Temperatur, Härte und visuelle Wirkung. In der Architektur bestimmen sie massgeblich, wie wir Räume erleben und empfinden. Der Schweizer Architekt Peter Zumthor, Pritzker-Preisträger 2009, hat mit seinem Buch «Atmosphären» (Birkhäuser, 2006) die Materialwirkung zum zentralen Thema zeitgenössischer Architekturtheorie gemacht.


Das Wichtigste in Kürze

•      Haptik in der Architektur: Haptik bezeichnet die taktile Wahrnehmung von Oberflächen durch Berührung – Textur, Temperatur, Härte und Gewicht. Sie beeinflusst nachweislich Wohlbefinden und Stimmung.

•      Peter Zumthor: Der Schweizer Pritzker-Preisträger (2009) definiert Atmosphäre als «diese einmalige Dichte und Stimmung, dieses Gefühl von Gegenwart, Wohlbefinden, Stimmigkeit, Schönheit».

•      Therme Vals: Das 1996 eröffnete Thermalbad in Graubünden verwendet 60'000 Platten aus lokalem Valser Quarzit – ein Meilenstein materialbetonter Architektur.

•      Wabi-Sabi: Die japanische Ästhetik der Unvollkommenheit – Asymmetrie, Rauheit, Patina – gewinnt als Gestaltungsphilosophie auch in der westlichen Architektur an Bedeutung.

•      Materialpsychologie: Die haptische Wahrnehmung ist emotionaler und ursprünglicher als die visuelle – Oberflächen beeinflussen Verhalten und Wohlbefinden am Arbeitsplatz und im Wohnraum.


Materialität und Haptik stehen im Februar 2026 im Fokus eines wachsenden Bewusstseins: Architektur ist mehr als Form und Funktion – sie wird erlebt, berührt, gefühlt. In einer zunehmend digitalisierten Welt sehnen sich Menschen nach authentischen, sinnlichen Erfahrungen im gebauten Raum. Dieser Artikel erkundet, wie Materialien sprechen, warum Oberflächen Emotionen wecken und was Bauherren daraus für ihre Projekte lernen können.


Was bedeuten Materialität und Haptik in der Architektur?

Materialität bezeichnet in der Architektur die physischen Eigenschaften und ästhetischen Qualitäten von Baumaterialien – von der Maserung des Holzes über die Körnung des Steins bis zur Glätte des Betons. Architektur-Lexika definieren Haptik als die taktile Wahrnehmung von Oberflächen: Was fühlen wir, wenn wir eine Wand berühren? Ist sie warm oder kalt, rau oder glatt, porös oder dicht?

Jahrhundertelang wurde Architektur vorwiegend visuell beurteilt – als Komposition von Formen, Proportionen und Farben. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich das Bewusstsein durchgesetzt, dass die taktile Dimension ebenso entscheidend ist. Ein Raum kann optisch perfekt sein und sich dennoch fremd anfühlen, wenn seine Oberflächen keine sinnliche Resonanz erzeugen. Wer sich mit Funktion und Ästhetik in der modernen Architektur auseinandersetzt, kommt an der Materialfrage nicht vorbei.


Peter Zumthor und die Kunst der Atmosphäre

Kein zeitgenössischer Architekt hat die Bedeutung von Materialität so konsequent ins Zentrum seiner Arbeit gestellt wie Peter Zumthor. Der 1943 in Basel geborene Schweizer begann seine Laufbahn als Möbelschreiner, studierte an der Basler Schule für Gestaltung (1963) und am Pratt Institute in New York (1966). Diese handwerkliche Prägung durchzieht sein gesamtes Werk.

In seinem Buch «Atmosphären» (2006) beschreibt Zumthor die «Komposition und Präsenz der Materialien» als eines von neun Elementen, die architektonische Stimmung erzeugen. Für ihn geht es nicht darum, was ein Material darstellt, sondern was es ist – seine Schwere, seine Temperatur, seine Oberfläche, sein Klang. Zumthors Arbeitsweise ist denkbar langsam: Sein Oeuvre umfasst lediglich rund zwanzig Bauten, jedes einzelne mit einer Intensität durchgearbeitet, die in der heutigen Baupraxis selten ist.


Diese Haltung hat Parallelen zu dem, was in der Geschichte der Architektur immer wieder aufscheint: die Überzeugung, dass grosse Architektur aus der tiefen Kenntnis des Materials entsteht – nicht aus der Überwindung des Materials.


Therme Vals: 60'000 Steinplatten als Manifest

Das konkreteste Beispiel für Zumthors materialgetriebene Architektur ist die Therme Vals, 1996 eröffnet im Kanton Graubünden. Das Gebäude besteht aus 60'000 Platten des lokal abgebauten Valser Quarzits – eines grünlich-grauen Steins, der die einzige Thermalquelle des Kantons umhüllt.

Die Konstruktion basiert auf fünfzehn tischartigen Einheiten von fünf Metern Höhe, deren auskragende Betondächer durch acht Zentimeter breite, glasgedeckte Spalten getrennt sind. Dieser Kunstgriff lässt die massiven Steinblöcke scheinbar schweben und erzeugt ein Spiel aus Licht und Schatten, das sich im Lauf des Tages ständig verändert. Die Zusammenwirkung von Licht und Material wird hier zum räumlichen Erlebnis.


Zumthors Leitfrage für das Projekt war programmatisch: «Berg, Stein, Wasser – Bauen im Stein, Bauen mit dem Stein, in den Berg hinein, aus dem Berg heraus, im Berg drin sein.» Das Gebäude ist in den Hang hineingebaut, das Grasdach schliesst nahtlos an die Bergwiese an. Kurz nach Fertigstellung wurde die Therme Vals unter Denkmalschutz gestellt – eine seltene Auszeichnung für ein zeitgenössisches Bauwerk.

Ein Prisma bricht das Licht und erzeugt so ein Regenbogenspektrum auf einer dunklen, strukturierten Oberfläche.

Wabi-Sabi: Die Schönheit der Unvollkommenheit

Eine der faszinierendsten Perspektiven auf Materialität kommt aus der japanischen Philosophie: Wabi-Sabi, eine Ästhetik, die im 16. Jahrhundert durch den Teemeister Sen no Rikyū geprägt wurde. Wabi bezeichnet rustikale Schlichtheit und stille Zurückhaltung, Sabi die Schönheit, die mit dem Alter kommt – Patina, Reife, Vergänglichkeit.

Für die Architektur bedeutet Wabi-Sabi eine grundlegende Umwertung: Nicht die makellose Oberfläche ist das Ideal, sondern die Spur des Gebrauchs, die Unebenheit des Handgemachten, die Asymmetrie des Gewachsenen. Natürliche Materialien wie Holz, Stein und Lehm werden gerade deshalb geschätzt, weil sie altern und Spuren des Lebens zeigen. Die verwandte Kunst des Kintsugi – das Reparieren zerbrochener Keramik mit Gold – macht den Bruch zum Schmuck statt ihn zu verstecken.


Diese Philosophie findet zunehmend Eingang in die westliche Architektur und Innengestaltung. In einer Zeit industrieller Perfektion und austauschbarer Oberflächen bietet Wabi-Sabi einen Gegenentwurf: Materialien dürfen Charakter haben, Räume dürfen Geschichten erzählen. Wer mehr über die Verbindung von Material und Raum erfahren möchte, findet bei der Innenarchitektur im Bauprozess weiterführende Ansätze.


Wie Oberflächen unser Wohlbefinden beeinflussen

Die Wirkung von Materialien auf den Menschen ist nicht nur ästhetisch, sondern auch psychologisch messbar. Forschungen zur Materialpsychologie zeigen, dass die haptische Wahrnehmung emotionaler und ursprünglicher ist als die visuelle: Während das Sehen ein eher abstrakt-intellektueller Vorgang ist, bringt uns die Berührung in unmittelbaren Kontakt mit den Dingen.

Am Arbeitsplatz beeinflussen taktile Reize nachweislich Verhalten und Wohlbefinden. Bodenbeläge, Tischoberflächen und Wandmaterialien senden ständig sinnliche Signale, die wir meist unbewusst verarbeiten. Ein Raum mit warmen Holzoberflächen wirkt einladend und beruhigend; ein Raum mit kalten, glatten Flächen fördert Konzentration und Sachlichkeit. Das Wissen um diese Zusammenhänge ist zentral für jeden, der sich mit neuen Materialien in der Bauindustrie beschäftigt.


In jüngster Zeit zeichnet sich ein Gegentrend zum Reduktionsdogma glatter, fugenloser Oberflächen ab: Architekten und Designer lassen Materialien wieder Charakter zeigen. Sichtbare Maserungen, fühlbare Strukturen und natürliche Farbvariationen werden nicht als Mangel verstanden, sondern als Qualität. Diese Entwicklung entspricht einem minimalistischen Ansatz, der nicht Leere anstrebt, sondern Essenz.



Materialwahl: Fünf Leitfragen für Bauherren

1. Wie fühlt sich das Material an?  Besuchen Sie Musterausstellungen, berühren Sie Oberflächen, erleben Sie Materialien bei unterschiedlichen Temperaturen. Die haptische Qualität eines Materials lässt sich nicht aus Katalogen ablesen.

2. Wie altert das Material?  Fragen Sie nicht nur nach der Optik im Neuzustand, sondern nach dem Verhalten über Jahrzehnte. Materialien, die schön altern – Naturstein, Holz, Cortenstahl –, gewinnen mit der Zeit an Charakter statt zu verfallen.

3. Woher kommt das Material?  Regionale Baumaterialien passen nicht nur zum Kontext, sondern reduzieren Transportwege und stärken lokale Wertschöpfungsketten. Die Nachhaltigkeit in der Architektur beginnt bei der Materialwahl.

4. Welche Stimmung soll der Raum erzeugen?  Definieren Sie die gewünschte Atmosphäre, bevor Sie Materialien wählen. Ein Rückzugsort verlangt andere Oberflächen als ein Arbeitsraum oder ein repräsentativer Eingangsbereich.

5. Wie wirken die Materialien zusammen?  Einzelne Materialien entfalten ihre Wirkung im Kontext. Kontraste – warm/kalt, rau/glatt, hell/dunkel – erzeugen Spannung und Tiefe.

Die Proportionen und Geometrie eines Raumes bestimmen, wie Materialien zur Geltung kommen.

Dunkler Innenraum mit leuchtenden, bauchigen Formen an Wänden und Decke.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)


Was bedeutet Materialität in der Architektur?

Materialität beschreibt die physischen Eigenschaften und ästhetischen Qualitäten von Baumaterialien – ihre Textur, Farbe, Gewicht, Temperatur und Oberflächenstruktur. In der Architektur bestimmt die Materialität massgeblich, wie ein Raum erlebt und empfunden wird.


Warum ist Haptik in der Architektur wichtig?

Die haptische Wahrnehmung ist emotionaler und ursprünglicher als die visuelle. Oberflächen beeinflussen nachweislich Wohlbefinden, Stimmung und Verhalten. Ein Raum kann optisch ansprechend sein, aber sich fremd anfühlen, wenn seine Oberflächen keine sinnliche Resonanz erzeugen.


Was ist Wabi-Sabi in der Architektur?

Wabi-Sabi ist eine japanische Ästhetik, die im 16. Jahrhundert durch den Teemeister Sen no Rikyū geprägt wurde. Sie schätzt Unvollkommenheit, Asymmetrie und natürliche Alterung. In der Architektur bedeutet dies: Materialien dürfen Spuren des Gebrauchs zeigen, Patina ist kein Mangel, sondern Ausdruck von Geschichte.


Welche Materialien hat Peter Zumthor bei der Therme Vals verwendet?

Die 1996 eröffnete Therme Vals besteht aus 60'000 Platten des lokal abgebauten Valser Quarzits, eines grünlich-grauen Natursteins. Die Konstruktion umfasst fünfzehn tischartige Einheiten mit auskragenden Betondächern, getrennt durch glasgedeckte Spalten von acht Zentimetern Breite.


Wie wähle ich die richtigen Materialien für mein Bauprojekt?

Besuchen Sie Musterausstellungen und berühren Sie Materialien persönlich. Fragen Sie nach dem Alterungsverhalten, bevorzugen Sie regionale Baumaterialien und definieren Sie die gewünschte Raumatmosphäre, bevor Sie Oberflächen festlegen. Ein erfahrener Architekt kann die Zusammenwirkung verschiedener Materialien im Kontext beurteilen.


Fazit

Materialität und Haptik sind keine Nebensache der Architektur – sie sind ihr Herzstück. Peter Zumthors Therme Vals zeigt, wie ein einziges, konsequent eingesetztes Material einen Ort von Weltrang schaffen kann. Die japanische Wabi-Sabi-Philosophie erinnert uns daran, dass Schönheit in der Unvollkommenheit liegt und dass Patina keine Schwäche ist, sondern ein Zeugnis gelebten Lebens. Für Bauherren bedeutet dies: Investieren Sie Zeit in die Materialwahl, berühren Sie Oberflächen, fragen Sie nach dem Alter und der Herkunft. Denn was wir anfassen, berührt uns – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.


Über den Autor:  Daniel Dalla Corte | Gründer von Dalla Corte Architects

Daniel Dalla Corte verbindet in seiner Arbeit im Thurgau Geschichte, Handwerk und zeitgenössische Architektur. Für ihn ist die sorgfältige Materialwahl keine Nebensache, sondern der Kern jeder architektonischen Entscheidung.