Regionale Baukultur Schweiz

Daniel Dalla Corte • 6. Februar 2026

Regionale Baukultur Schweiz: So prägt sie unsere Lebensräume


Was ist regionale Baukultur? Regionale Baukultur Schweiz umfasst alle Tätigkeiten, die den gebauten Lebensraum einer Region prägen – von der Denkmalpflege bis zum zeitgenössischen Bauen. Sie verbindet lokale Identität mit nachhaltiger Entwicklung. Das Bundesamt für Kultur (BAK) koordiniert seit 2020 die interdepartementale Strategie Baukultur, die auf der Erklärung von Davos 2018 basiert.


Das Wichtigste in Kürze

• Regionale Baukultur bezeichnet die Summe aller menschlichen Leistungen zur Gestaltung des Lebensraums – vom Handwerksdetail bis zur Infrastruktur.

• Die Erklärung von Davos 2018 markiert den internationalen Startpunkt für eine europaweite Baukulturpolitik – initiiert von der Schweiz.

• Acht Qualitätskriterien (Davos Qualitätssystem): Gouvernanz, Funktionalität, Umwelt, Wirtschaft, Vielfalt, Kontext, Genius Loci und Schönheit.

• Die Strategie Baukultur des Bundes wurde 2020 verabschiedet und umfasst sieben strategische Ziele für die nachhaltige Förderung.

• Der Aktionsplan 2024–2027 definiert zehn konkrete Massnahmen zur Umsetzung der Baukulturpolitik auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene.


Was bedeutet regionale Baukultur in der Schweiz?

Regionale Baukultur Schweiz ist am 3. Februar 2026 aktueller denn je: Sie bestimmt, wie wir wohnen, arbeiten und zusammenleben. Die gebaute Umwelt umgibt uns täglich – von der historischen Altstadt bis zum modernen Wohnquartier. Doch was macht eine hohe Baukultur aus, und warum ist sie gerade auf regionaler Ebene so wichtig?

Das Bundesamt für Kultur (BAK) definiert Baukultur als die Gesamtheit aller Tätigkeiten, die den Raum verändern. Der Begriff geht weit über Architektur hinaus: Er schliesst Städtebau, Landschaftsgestaltung, Infrastruktur, Handwerk und sogar die Planungsprozesse mit ein. Auf regionaler Ebene wird dieser Diskurs an konkreten Beispielen des Bewahrens, Planens und Bauens geführt.


Die Geschichte der Architektur zeigt: Baukultur war stets ein Spiegel gesellschaftlicher Werte. Was früher aus Notwendigkeit entstand, prägt heute unser kulturelles Erbe.


Die Erklärung von Davos 2018: Meilenstein für Europa

Im Januar 2018 trafen sich europäische Kulturminister unter dem Vorsitz von Bundespräsident Alain Berset in Davos. Das Ergebnis: Die «Erklärung von Davos» – das erste international anerkannte Grundsatzdokument, das Baukultur als zentrales Element der Lebensqualität verankert. Damit übernahm die Schweiz eine Pionierrolle in der europäischen Baukulturpolitik.

Die Deklaration betont: Bauen ist Kultur. Sie adressiert Herausforderungen wie Urbanisierung, Schrumpfung ländlicher Räume, Ressourcenknappheit und Flächenverbrauch. Die Schweizer Initiative führte 2023 zur Gründung der Davos Baukultur Allianz, die von über 30 europäischen Staaten getragen wird.




Regionale Baukultur Schweiz umfasst alle Tätigkeiten, die den gebauten Lebensraum einer Region prägen

Das Davos Qualitätssystem: Acht Kriterien für hohe Baukultur


Seit 2021 bietet das Davos Qualitätssystem erstmals eine strukturierte Bewertungsmethode für Baukultur. Es stellt soziale, kulturelle und emotionale Kriterien den technischen und wirtschaftlichen gegenüber. Die acht Qualitätskriterien sind:


Gouvernanz:  Gute Baukultur folgt transparenten, partizipativen Entscheidungsprozessen.


Funktionalität: Räume erfüllen ihre Funktion und passen sich Nutzerbedürfnissen an.


Umwelt: Schonender Umgang mit Ressourcen und Förderung der Biodiversität.


Wirtschaft: Langfristige Wertschöpfung und nachhaltige Investitionen.


Vielfalt: Inklusion und Berücksichtigung unterschiedlicher Bedürfnisse.


Kontext: Einbettung in räumliche, historische und kulturelle Zusammenhänge.


Genius Loci: Respekt vor dem einzigartigen Charakter eines Ortes.


Schönheit: Ästhetische Qualität als Beitrag zum Wohlbefinden.


Das Qualitätssystem kann bei Planungen, Wettbewerben und partizipativen Prozessen eingesetzt werden. Der EU-Rat unterstützt seit 2021 ausdrücklich diese acht Kriterien im Rahmen des Neuen Europäischen Bauhauses.


Warum regionale Baukultur so wichtig ist

Die Gestaltung des Raums wird auf kommunaler und kantonaler Ebene konkretisiert. Hier findet der baukulturelle Diskurs an realen Beispielen statt. Durch die Erhaltung regionaler Identitäten können sich Gemeinden nachhaltig weiterentwickeln – ohne ihre Geschichte zu verlieren.

Im Thurgau zeigt der kantonale Leitfaden für ländliches Bauen, wie Funktion und Ästhetik in der modernen Architektur zusammenwirken. Der Leitfaden illustriert Merkmale des regionalen Bauens mit konkreten Beispielen.


Regionale Baukultur bedeutet auch: Lokale Materialien verwenden, handwerkliche Traditionen pflegen und den Genius Loci – den einzigartigen Charakter eines Ortes – respektieren. Ein Neubau in der Bodenseeregion verlangt andere Antworten als einer im Engadin.


Die Strategie Baukultur des Bundes

Im Februar 2020 verabschiedete der Bundesrat die interdepartementale Strategie Baukultur. 15 Bundesstellen haben unter Federführung des BAK an ihr mitgewirkt. Die sieben strategischen Ziele umfassen:


1. Vorbildfunktion des Bundes als Bauherr stärken

2. Qualitätsorientierte Vergabeverfahren fördern

3. Baukulturelles Erbe schützen und weiterentwickeln

4. Nachhaltige Raumentwicklung unterstützen

5. Baukulturelle Bildung und Vermittlung stärken

6. Forschung und Innovation fördern

7. Internationale Vernetzung ausbauen


Der Aktionsplan 2024–2027 wurde im Dezember 2024 verabschiedet und definiert zehn konkrete Massnahmen für die laufende Legislatur. Die Kulturbotschaft 2025–2028 verankert Baukultur erstmals als Dimension der Nachhaltigkeit.


Baukultur und Nachhaltigkeit: Eine untrennbare Verbindung

Hohe Baukultur schafft nicht nur ästhetisch ansprechende Räume – sie ist auch ein Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung. Die Agenda 2030 der UNO und die Schweizer Strategie Nachhaltige Entwicklung (SNE) bilden den Rahmen.

Wer die Proportionen, Geometrie und Architektur versteht, erkennt: Gute Baukultur ist ressourcenschonend, langlebig und wertbeständig. Sie stärkt regionale Identitäten und fördert Grünflächen mit hoher Biodiversität.


Konkret bedeutet das: Sparsamer Landverbrauch, dauerhafte Bauten, Pflege des historischen Bestands und umweltschonende Mobilität. Baukultur ermöglicht auch kommenden Generationen eine positive Entwicklung.


Wer gestaltet regionale Baukultur?

Baukultur ist keine Sache einzelner Experten – sie betrifft alle. Die wichtigsten Akteure in der Schweiz sind:


• Bundesamt für Kultur (BAK): Fachstelle des Bundes, koordiniert die Strategie Baukultur

• Schweizer Heimatschutz (SHS): Vermittlung und Förderung von Baukultur als Kernanliegen

• Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA): Träger des Runden Tischs Baukultur seit 2010

• Stiftung Baukultur Schweiz: Dialogplattform für einen gut gestalteten Lebensraum

• Kantone und Gemeinden: Umsetzung auf regionaler Ebene, Bewilligungsprozesse



Gebäude entlang eines Kanals in Straßburg, Frankreich; helle Fassaden, Spiegelungen im Wasser, blauer Himmel.

Regionale Baukultur in der Praxis: Beispiele

Wie zeigt sich hohe Baukultur konkret? Einige Beispiele aus der Schweiz verdeutlichen die Bandbreite:

Umbau mit natürlichen Materialien:  Projekte wie die Schlössli-Schüür in Kirchdorf setzen auf Kork, Lehm und regionales Holz. Sie fördern Kreislaufwirtschaft und minimieren den ökologischen Fussabdruck durch gemeinschaftliche Einrichtungen.

ISOS-geschützte Ortsbilder:  Das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder (ISOS) zeigt, wie Ortsbilder gepflegt und sorgfältig weiterentwickelt werden können – ohne in Musealisierung zu verfallen.

Thurgauer Leitfaden:  Der kantonale Leitfaden «Bauen im ländlichen Raum» illustriert unterschiedliche Merkmale des regionalen Bauens und unterstützt Planende bei effizienten Bewilligungsprozessen.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Baukultur und Architektur?

Architektur (Baukunst) bezieht sich auf die Gestaltung einzelner Gebäude. Baukultur ist umfassender: Sie schliesst Städtebau, Landschaftsgestaltung, Infrastruktur, Handwerk und Planungsprozesse ein. Der Schweizer Ingenieur- und Architektenverein (SIA) fasst zusammen: Baukultur umfasst den gesamten Baubestand in seiner sozialen Funktion.


Wer ist für Baukultur in der Schweiz zuständig?

Das Bundesamt für Kultur (BAK) ist die Fachstelle des Bundes. Es koordiniert die interdepartementale Strategie Baukultur. Auf kantonaler und kommunaler Ebene liegt die Verantwortung bei den jeweiligen Planungs- und Baubehörden.


Was sind die Davos-Kriterien für Baukultur?

Die acht Davos-Kriterien sind: Gouvernanz, Funktionalität, Umwelt, Wirtschaft, Vielfalt, Kontext, Genius Loci und Schönheit. Sie wurden 2018 von europäischen Kulturministern verabschiedet und bilden die Grundlage für das Davos Qualitätssystem.


Wie kann ich als Bauherr zur Baukultur beitragen?

Setzen Sie auf qualitätsorientierte Verfahren wie Architekturwettbewerbe. Berücksichtigen Sie den lokalen Kontext und regionale Materialien. Arbeiten Sie mit erfahrenen Architekten zusammen und beziehen Sie Denkmalpflege und Ortsbildschutz frühzeitig ein.


Gibt es Fördermittel für baukulturelle Projekte?

Ja, das Bundesamt für Kultur unterstützt Kantone und Organisationen durch die Förderung baukulturell nachhaltiger Projekte. Auch Stiftungen wie die Stiftung Baukultur Schweiz engagieren sich. Informieren Sie sich bei Ihrer kantonalen Denkmalpflege über regionale Programme.


Fazit: Regionale Baukultur als Zukunftsaufgabe

Regionale Baukultur Schweiz ist mehr als ein Schlagwort – sie bestimmt, wie wir heute und morgen leben. Die Erklärung von Davos, das Qualitätssystem und die Strategie Baukultur des Bundes bieten erstmals einen kohärenten Rahmen. Die Verantwortung liegt bei uns allen: Bauherren, Planenden, Behörden und Zivilgesellschaft.

Die Frage ist nicht, ob wir Baukultur pflegen – sondern wie gut. Hochwertige Lebensräume entstehen dort, wo regionale Identität, Nachhaltigkeit und Schönheit zusammenfinden. Was wir heute bauen, ist Heimat von morgen.



Über den Autor

Daniel Dalla Corte | Architekt NDS ETH

Gründer von Dalla Corte Architects in Ermatingen am Bodensee. Ausgebildet an der ETH Zürich, ausgezeichnet mit dem Deutschen Stahlbau-Förderpreis. Seit 2000 entwerfend, forschend und lehrend tätig – mit der Frage im Gepäck: Wie viel Mensch passt in einen Raum?