Schweizer Heimatstil: Kitsch oder Kulturerbe?
Der Schweizer Heimatstil: Kitsch oder Kulturerbe in der Architektur?
Lesezeit: ca. 9 Minuten | Stand: 10.02.2026 | Von Daniel Dalla Corte
Was ist der Schweizer Heimatstil?
Der Schweizer Heimatstil ist eine Architekturströmung, die zwischen 1896 und 1914 ihre Blütezeit erlebte und regionale Bautraditionen zum Vorbild für modernes Bauen erhob. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) handelt es sich um eine auf lokalen Bautraditionen wurzelnde Baukunst, die Historismus und Jugendstil überwand und den Weg zur Moderne ebnete. Ob diese Architektur Kitsch oder Kulturerbe darstellt, wird bis heute kontrovers diskutiert.
Das Wichtigste in Kürze
• Blütezeit: Der Schweizer Heimatstil prägte die Architektur vor allem zwischen 1905 und 1914 und kehrte in modifizierten Neuauflagen in den 1920er- und 1940er-Jahren zurück (Quelle: HLS).
• Ursprung: Das Village suisse auf der Landesausstellung 1896 in Genf mit 56 nachgebauten Häusern machte den Stil erstmals einem breiten Publikum bekannt.
• Losung: "Beauté et patrie" – Schönheit durch lokale Materialien und heimisches Handwerk als patriotische Pflicht.
• Aktualität: Der Schweizer Heimatschutz vergibt seit 1972 den Wakkerpreis für vorbildliche Baukultur – 2026 geht er an Brig-Glis VS.
• Bestand: Schützenswerte Baudenkmäler machen laut Schweizer Heimatschutz nur rund 5 bis 10 Prozent des heutigen Gebäudebestands der Schweiz aus.
Der Schweizer Heimatstil polarisiert wie kaum ein anderer Baustil – für die einen nostalgischer Kitsch, für die anderen unverzichtbares Kulturerbe, das die Identität der Schweiz architektonisch verkörpert. Die Debatte um geschnitzte Holzbalkone, ausladende Dächer und Sprossenfenster berührt eine Grundsatzfrage: Wie viel Tradition verträgt die Moderne? In diesem Beitrag beleuchten wir die Ursprünge, die architektonischen Merkmale und die aktuelle Relevanz einer Bauform, die seit über einem Jahrhundert die Schweizer Architekturlandschaft prägt.
Wo liegen die Ursprünge des Schweizer Heimatstils?
Die Wurzeln des Heimatstils reichen tiefer als oft angenommen. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz liegen sie in der Hirten- und Agrarromantik des 19. Jahrhunderts. Als Reaktion auf die Industrialisierung entwickelte sich ein patriotischer Gegenentwurf zur modernen Grossstadt – durchzogen von einem sogenannten "Dörfligeist", der das ländliche Leben idealisierte.
Den entscheidenden Durchbruch erlebte der Stil 1896 auf der Schweizerischen Landesausstellung in Genf. Dort wurde das "Village suisse" errichtet – ein künstliches Schweizer Dorf mit 56 nachgebauten Häusern aus verschiedenen Regionen des Landes. Diese Inszenierung machte den Heimatstil über Nacht salonfähig. 1914 folgte das "Dörfli" auf der Landesausstellung in Bern, bei der Architekt Karl Indermühle ein einheitliches Ensemble im Berner Stil schuf. Spätestens damit war der Heimatstil zur nationalen Pflicht geworden.
Der Kunsthistoriker Peter Meyer prägte ab 1910 den Begriff "Heimatstil" als Stilbezeichnung. International wurden verwandte Phänomene als "Le Régionalisme" oder "Heimatschutzstil" bezeichnet. Der Schweizer Architekturhistoriker Othmar Birkner schlug 1975 den Begriff "Nationale Romantik" vor – in Anlehnung an ähnliche Strömungen in Finnland.
Merkmale des Heimatstils: Was macht ihn so erkennbar?
Der Schweizer Heimatstil unterscheidet sich grundlegend vom älteren "Schweizerhausstil" (auch Chaletstil oder Laubsägelistil genannt), mit dem er häufig verwechselt wird. Während der Chaletstil dekorative Elemente der alpinen Holzbauweise auf Villen und Hotels übertrug, ging es dem Heimatstil um etwas anderes: die Anwendung örtlicher Baustoffe und heimischer Handwerkstraditionen für eine authentische, regional verwurzelte Architektur.
Die Losung lautete "Beauté et patrie" – Schönheit und Vaterland. Geschnitztes Holz, behauener Stein und geschmiedetes Eisen galten als patriotische Pflicht. Ein ausladendes Dach, Sprossenfenster und Erker waren ästhetische Norm, während Einfachheit und Bescheidenheit als architektonische Tugend verstanden wurden.

Welche Architekten prägten den Schweizer Heimatstil?
Laut dem HLS waren typische Heimatstil-Architekten unter anderem Nicolaus Hartmann in Graubünden, Karl Indermühle in Bern, Alphonse Laverrière in Lausanne und Edmond Fatio in Genf. In Zürich wirkte Armin Witmer-Karrer. Eine besondere Rolle spielte auch Le Corbusier: Sein frühes Werk, die 1907 erbaute Villa Fallet in La Chaux-de-Fonds im sogenannten "Style sapin", zeigt eine gelungene Verbindung zwischen Heimat- und Jugendstil – und damit die Brücke zur Moderne.
Die Heimatstil-Ideologie wurde über Architektenverbände wie den SIA und den Bund Schweizer Architekten verbreitet. Wettbewerbe – etwa 1908 für "einfache schweizerische Wohnhäuser" – und Fachzeitschriften wie "Heimatschutz" oder "Die Schweizerische Baukunst" trugen die Ideen in alle sozialen Schichten. Das Hauptgewicht lag im Wohnbau und im Schulhausbau, wo die Reformpädagogik eine neue, kindgerechte Architektur forderte.
Kitsch oder Kulturerbe? Die Debatte um den Heimatstil
Die Frage, ob der Heimatstil Kitsch oder Kulturerbe ist, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Schon in zeitgenössischen Architektenkreisen stiess der Stil auf Kritik und musste sich den Vorwurf des Konservatismus gefallen lassen. Die Architekturhistorikerin Elisabeth Crettaz-Stürzel hat in ihrem Standardwerk "Heimatstil. Reformarchitektur in der Schweiz 1896–1914" (2005) versucht, den Terminus neu zu bewerten – als Ausdruck einer kulturellen Reformbewegung.
Kritiker sehen im Heimatstil eine rückwärtsgewandte Verklärung ländlicher Idyllen. Tatsächlich geriet bereits das Village suisse 1896 ungewollt zu einer "Suisse miniature" – einer Verkleinerung der Schweiz auf pittoreske Postkartenmotive. Befürworter hingegen betonen den konstruktiven Kern: Der Heimatstil förderte lokale Handwerkstraditionen, regionale Baustoffe und eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Ortsbild. Diese Werte werden gerade im Kontext von Nachhaltigkeit und Denkmalschutz wieder hochaktuell.
Auch der Immobilienexperte Patrick Walde von Walde Immobilien ordnet den Chaletstil als Ausdruck einer "nostalgischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit" ein – die "heile Bergwelt" als identitätsstiftendes Symbol. Und genau hier liegt die Spannung: Zwischen ehrlicher Bautradition und deren kommerzieller Vereinnahmung verläuft ein schmaler Grat.
Der Heimatstil in der heutigen Schweizer Architektur
Der Heimatstil ist keineswegs ein abgeschlossenes Kapitel der Baugeschichte. Er kehrte in den 1920er-Jahren als "Zweiter Heimatstil" zurück, prägte in den 1940er-Jahren den sogenannten "Landistil" und lebt bis in die Gegenwart als "Regionalismus" weiter. Gerade im Kontext der Verdichtung und des nachhaltigen Bauens gewinnen die Grundprinzipien des Heimatstils an Relevanz: lokale Materialien, regionale Handwerkskunst und die Einbettung von Bauten in das bestehende Ortsbild.
Der Schweizer Heimatschutz engagiert sich seit seiner Gründung für den Erhalt schützenswerter Bausubstanz. Laut der Organisation machen Baudenkmäler nur rund 5 bis 10 Prozent des heutigen Gebäudebestands der Schweiz aus. Mit dem jährlich verliehenen Wakkerpreis zeichnet der Verein seit 1972 Gemeinden aus, die vorbildliche Ortsbild- und Siedlungsentwicklung betreiben. Namensgeber war der Genfer Bankier Henri-Louis Wakker. Der Wakkerpreis 2025 ging an die Gemeinde Poschiavo in Graubünden, der Wakkerpreis 2026 wurde der Walliser Gemeinde Brig-Glis zugesprochen.
Wer heute mit Holz baut, lokale Materialien verwendet und Neubauten sensibel in gewachsene Ortsbilder einfügt, steht in der geistigen Nachfolge des Heimatstils – auch wenn die Formensprache eine andere ist. Die Verbindung von Tradition und Innovation, die der Heimatstil erstmals formulierte, bleibt ein zentrales Thema der Schweizer Architektur.
Was Bauherren vom Heimatstil lernen können
Für Bauherren und Grundstücksbesitzer in der Schweiz bietet der Heimatstil wertvolle Impulse. Die Verwendung lokaler Materialien stärkt nicht nur die regionale Wirtschaft, sondern reduziert auch Transportemissionen. Wer bei einer Sanierung historischer Gebäude auf Denkmalschutzauflagen stösst, findet im Heimatstil einen Rahmen, der Tradition und zeitgemässe Ansprüche vereint.
Konkret lassen sich folgende Prinzipien auf moderne Bauprojekte übertragen:
• Ortsbezug: Neue Gebäude sollten sich in das gewachsene Erscheinungsbild einer Gemeinde einfügen, statt willkürlich Stile zu kopieren.
• Materialwahl: Schweizer Holz, Naturstein und regionale Baustoffe verbinden Nachhaltigkeit mit Identität.
• Handwerk: Die Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern sichert Qualität und fördert regionale Wirtschaftskreisläufe.
• Bescheidenheit: Die Heimatstil-Tugend der Einfachheit korrespondiert mit dem modernen Suffizienz-Gedanken – nicht mehr bauen als nötig.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Heimatstil und Chaletstil?
Der Chaletstil (auch Schweizerhausstil oder Laubsägelistil) übernahm dekorative Elemente der alpinen Holzbauweise und verbreitete sich international als romantisierendes Stilmittel. Der Heimatstil hingegen zielte auf die Anwendung lokaler Baustoffe und regionaler Handwerkstraditionen – nicht auf die dekorative Nachahmung, sondern auf eine authentische Baukultur. Laut dem HLS wird der Chaletstil oft fälschlicherweise mit dem Heimatstil gleichgesetzt.
Wann war die Blütezeit des Schweizer Heimatstils?
Die Hauptblütezeit des Schweizer Heimatstils lag gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz zwischen 1905 und 1914. Er erfasste in dieser Zeit alle Baugattungen – vom Wohnhaus über Schulen bis hin zu Hotels und Kraftwerken. In den 1920er-Jahren, den 1940er-Jahren und bis heute kehrte er in modifizierten Neuauflagen zurück.
Was ist der Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes?
Der Wakkerpreis wird seit 1972 jährlich vom Schweizer Heimatschutz an Gemeinden vergeben, die besondere Leistungen in der Ortsbild- und Siedlungsentwicklung zeigen. Der Preis ist mit 20'000 Franken dotiert und nach dem Genfer Bankier Henri-Louis Wakker benannt. Der Preis für 2026 geht an Brig-Glis im Wallis.
Ist der Heimatstil noch relevant für moderne Bauvorhaben?
Die Grundprinzipien des Heimatstils – Verwendung lokaler Materialien, Respekt vor dem Ortsbild und Förderung regionaler Handwerkskunst – sind im Kontext von Nachhaltigkeit und Verdichtung aktueller denn je. Der heutige Regionalismus kann als geistige Nachfolge des Heimatstils verstanden werden.
Welche Rolle spielte Le Corbusier im Heimatstil?
Le Corbusier, einer der einflussreichsten Architekten der Moderne, begann seine Karriere im Umfeld des Heimatstils. Seine Villa Fallet (1907) in La Chaux-de-Fonds, entworfen im sogenannten "Style sapin", verbindet Elemente des Heimat- und Jugendstils – ein frühes Beispiel dafür, wie Tradition und Innovation zusammenfinden können.
Fazit: Der Schweizer Heimatstil als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft
Der Schweizer Heimatstil ist weder bloss Kitsch noch rein museales Kulturerbe – er ist ein lebendiger Bestandteil der Schweizer Architekturgeschichte, dessen Kernideen nichts an Aktualität verloren haben. Die Forderung nach regionaler Baukultur, lokalen Materialien und handwerklicher Qualität verbindet ihn mit den Nachhaltigkeitsdebatten unserer Zeit. Wer heute die Geschichte der Architektur studiert, erkennt im Heimatstil eine Reformbewegung, die ihrer Zeit in manchem voraus war.
Ob im denkmalgeschützten Altbau oder im modernen Holzbau-Projekt: Die Balance zwischen Tradition und Innovation bleibt die zentrale Herausforderung. Der Heimatstil zeigt, dass beides keine Gegensätze sein müssen – sondern sich gegenseitig bereichern können.
Über den Autor: Daniel Dalla Corte | Architekt und Gründer von Dalla Corte Architects
Daniel Dalla Corte ist Gründer des Architekturbüros Dalla Corte Architects in Ermatingen am Bodensee. Sein Ansatz verbindet architektonische Tradition mit zeitgenössischem Design. Immer im Dialog mit dem Ort und den Menschen, die dort leben.

