Farbe in der Architektur: Mehr als nur Dekoration.

Daniel Dalla Corte • 25. März 2026

Farbe in der Architektur: Mehr als nur Dekoration

Lesezeit: ca. 6 Minuten | Stand: März 2025 | Von Daniel Dalla Corte


Farbe in der Architektur ist kein nachträgliches Dekorationselement, sondern ein gestalterisches Werkzeug von gleicher Kraft wie der Grundriss. Sie formt Räume, lenkt Blicke, erzeugt Stimmungen – und unterliegt im Kanton Thurgau baurechtlichen Vorgaben, die oft unterschätzt werden. Von Architekt Daniel Dalla Corte, Ermatingen.



Das Wichtigste in Kürze

  • Le Corbusier bezeichnete Farbe als ebenso kräftiges Mittel wie Grundriss und Schnitt eine Einschätzung, die in der Baupraxis bis heute unterschätzt wird.
  • Das menschliche Auge unterscheidet rund 20 Millionen Farbnuancen,die meisten wirken unbewusst auf uns.
  • Warme Farbtöne (Rot, Orange, Gelb) wirken raumverengend und anregend; kühle Töne (Blau, Grün) erweitern optisch und beruhigen.
  • Mehrere Thurgauer Gemeinden schreiben in ihren Baureglements vor, dass grelle Fassadenfarben nicht zulässig sind.
  • Das Gewerbemuseum Winterthur widmete Farbe in der Architektur 2025/2026 eine eigene Ausstellung.
  • Farb- und Materialmuster können im Kanton Thurgau bei Baugesuchen von der Behörde verlangt werden (PBV, § 51).
  • Farbgestaltung gehört an den Anfang des Entwurfsprozesses und nicht ans Ende.


Farbe wird im Bauen oft als Schlusspunkt behandelt. Der Rohbau steht, die Haustechnik sitzt, und dann Farbe. Eine Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur zeigt seit 2025 das Gegenteil: Farbe war immer integraler Bestandteil der Architektur, von der Steinzeit bis heute. Ich frage mich, warum wir das im Planeralltag so leicht vergessen. Und warum Weiss so oft die Antwort ist, nicht aus Überzeugung, sondern aus Unsicherheit.


Was bedeutet Farbe in der Architektur wirklich?

Charles-Édouard Jeanneret, bekannt als Le Corbusier, hat es klar formuliert: Farbe sei in der Architektur ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriss und der Schnitt. Nicht Beiwerk. Nicht Ausschmückung. Mittel. Dass dieser Satz von einem Schweizer Architekten stammt, der in La Chaux-de-Fonds aufwuchs, ist kein Zufall. Die Ostschweizer Baukultur, die ich täglich in Ermatingen und im Thurgau erlebe, hat immer mit regionalen Materialien und Pigmenten gearbeitet – aus der Erde heraus, nicht gegen sie.

Farbe wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Als Material, der Anstrich, das Pigment, die Oberfläche. Und als Empfindung das, was wir sehen und fühlen, bevor wir denken. Diesen Unterschied macht die englische Sprache eleganter sichtbar: Paint und Colour sind zwei verschiedene Dinge. Im Deutschen verschmelzen sie. Das hat Folgen: Wer über Farbe spricht, meint oft nur den Eimer, nicht das Erleben.


Für mich beginnt Farbarbeit früh im Entwurfsprozess. Sie hängt zusammen mit Materialität und Haptik, mit Lichteinfall, mit der Beziehung eines Hauses zur Landschaft. Wer Farbe erst am Ende wählt, verpasst die Chance, Räume wirklich zu formen.


Wie wirkt Farbe auf Räume und Menschen?

Die Wirkung ist messbar, auch wenn sie subjektiv erlebt wird. Warme Farben Rot, Orange und Gelb wirken aktivierend, treten räumlich nach vorne, verengen optisch. Kühle Farben wie Blau, Grün, Blauviolett ziehen sich zurück, beruhigen, lassen Räume grösser erscheinen. Das sind keine Meinungen, sondern empirisch belegte Wahrnehmungseffekte.


Was ich in der Praxis häufig erlebe: Das Problem ist selten eine falsche Farbe. Es ist ein Farbton ohne Kontext. Farbe existiert nicht für sich. Sie verändert sich mit dem Licht am Morgen, Mittag, Dämmerung und bei Kunstlicht. Sie verändert sich mit der Nachbarfarbe, der Textur, der Raumgrösse. Ein subtil abgetöntes Graubeige kann in einem nach Norden orientierten Zimmer wie eine Last wirken und in einem lichtdurchfluteten Südraum wie stille Eleganz.


Der Bund Schweizer Farbgestalter in der Architektur (bsfa.ch) arbeitet seit Jahren daran, dieses Wissen in die Ausbildung zu bringen. Zu Recht. Denn gute Farbgestaltung setzt ein Auge voraus, das trainiert ist und eine Planung, die Farbe von Anfang an mitdenkt.

Ähnlich wie bei der Akustik in der Architektur gilt: Was wir mit den Sinnen wahrnehmen, beeinflusst unser Wohlbefinden tiefer als wir glauben. Farbe ist kein dekoratives Problem. Sie ist ein sensorisches Grundbedürfnis.


Was sagt das Baurecht im Kanton Thurgau zur Fassadenfarbe?

Farbe ist keine rein private Angelegenheit. Die Fassade ist öffentlich, sie prägt das Strassen- und Ortsbild. Das spiegelt sich im kantonalen Recht wider.

Das Planungs- und Baugesetz des Kantons Thurgau (PBG, RB 700) und die zugehörige Verordnung (PBV) halten fest, dass bauliche Veränderungen von Fassaden grundsätzlich bewilligungspflichtig sind. In besonderen Fällen können Farb- und Materialmuster von der Gemeinde als Bestandteil des Baugesuchs eingefordert werden (§ 51 PBV).


Einzelne Thurgauer Gemeinden gehen weiter: Im Baureglement der Gemeinde Berg TG ist ausdrücklich verankert, dass grelle Fassadenfarben nicht zulässig sind. Ähnliche Formulierungen finden sich in anderen Gemeindebaureglements der Region. Die Grundlinie ist überall dieselbe: Ein Gebäude hat sich in das Orts- und Landschaftsbild einzufügen.


Das ist keine bürokratische Schikane. Es ist das, was ich als regionalen Anker bezeichne. Ermatingen, der Bodensee, die Thurgauer Hügellandschaft haben ein Farbklima. Dieses zu kennen und zu achten, ist Handwerk und Haltung. Mehr dazu finden Sie in meinen Überlegungen zur regionalen Baukultur in der Schweiz.

Nahaufnahme zahlreicher dunkler, vertikaler, rechteckiger Metallsäulen, die von schwachem Licht beleuchtet werden.

Was war historisch der Umgang mit Farbe in der Architektur?

Wir neigen dazu zu glauben, Farbe an Fassaden sei eine neuere Erscheinung. Das Gegenteil ist wahr. Im ägyptischen und babylonischen Bauen wurden farbig glasierte Ziegel und Mosaike eingesetzt. Griechischer Marmor war bemalt und das weisse Athen, das wir kennen, ist das bleiche Resultat von Verwitterung, nicht das Original. Im Mittelalter galt ein Bau erst durch seine farbige Fassung als vollendet.

Das Bauhaus (1919–1933) machte Farbe zum theoretischen Grundsatz. Le Corbusiers System der «Polychromie Architecturale»  heute noch über Originalpigmente aus Uster (Schweiz) erhältlich – ist ein Werkzeug, das explizit für Architekten ohne malerische Ausbildung konzipiert wurde. Es zeigt: Farbkompetenz war nie nur Sache der Maler.


Ich orientiere mich an Werten, die sich bewährt haben. Geschichte. Zivilisation. Kultur. Auch in der Farbfrage gibt die Vergangenheit Orientierung und nicht als Nostalgie, sondern als Fundament.


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Häufige Fragen zu Farbe in der Architektur

Muss ich beim Fassadenanstrich im Thurgau eine Baubewilligung einholen?

Grundsätzlich ja, bauliche Veränderungen an Fassaden gelten laut § 98 PBG Kanton Thurgau als bewilligungspflichtig. Im Zweifelsfall sollten Sie frühzeitig mit Ihrer Gemeindebauverwaltung Kontakt aufnehmen.


Gibt es Farben, die für Fassaden im Thurgau verboten sind?

Mehrere Thurgauer Gemeinden halten in ihren Baureglements fest, dass grelle Fassadenfarben nicht zulässig sind. Als Orientierung gilt: Farben, die das Ortsbild stören oder in einem belastenden Kontrast zur Umgebung stehen, werden abgelehnt.


Wie früh im Planungsprozess sollte Farbe Thema sein?

Von Anfang an. Farbe ist kein Schlusspunkt der Planung, sondern ein gestalterisches Werkzeug, das von Beginn an mit Lichtkonzept, Materialwahl und Raumproportion abgestimmt sein sollte.


Welche Farbsysteme eignen sich für die Arbeit mit Architekten?

Bewährt haben sich das Natural Color System (NCS) und Le Corbusiers «Polychromie Architecturale». Beide wurden für den Einsatz in der räumlichen Planung konzipiert. Das Haus der Farbe in Zürich bietet dazu Beratung und Weiterbildung an.


Was versteht man unter einem Farbkonzept in der Architektur?

Ein Farbkonzept ist die durchdachte Abstimmung aller Farbtöne eines Gebäudes innen und aussen – im Hinblick auf Licht, Material, Raumnutzung und Umgebung. Es geht nicht darum, welche Farbe «schön» ist, sondern welcher Farbklang zum Gebäude, zur Lage und zum Menschen passt, der darin lebt.


Fazit: Farbe ist keine Entscheidung am Ende, sie ist der Anfang

Wer Farbe als Dekoration versteht, denkt zu klein. Farbe in der Architektur ist Haltung. Sie zeigt, wie ein Architekt zu Materialität, Licht, Ort und Mensch steht. Sie ist kein ästhetisches Extra, sondern Teil des architektonischen Gedankens von der ersten Skizze bis zur letzten Lasur.

Ich kehre dabei immer wieder zu einer einfachen Frage zurück: Was soll dieser Raum auslösen? Was soll dieses Haus zur Strasse sagen? Farbe in der Architektur ist eine Antwort. Eine der direktesten, die wir als Architekten geben können.


Über den Autor

Daniel Dalla Corte ist Architekt und Gründer der Dalla Corte Architects GmbH in Ermatingen am Bodensee. Das Büro ist seit 2006 auf nachhaltige Bauplanung, Renovierungen und moderne Architektur für Wohn- und Gewerbebauten in der Ostschweiz spezialisiert.


Nahaufnahme einer modernen Gebäudeecke mit geometrischen Paneelen und kontrastreichen Schatten.