Ornament und Moderne
Ornament und Moderne: Ein spannungsreiches Verhältnis
Lesezeit: ca. 8 Minuten | Stand: 12. Mai 2026 | Von Daniel Dalla Corte
Das Verhältnis von Ornament und Moderne ist eine der grössten Spannungen der Architekturgeschichte. Adolf Loos verteufelte 1910 das Ornament als ‚Verbrechen‘, die klassische Moderne folgte ihm. Robert Venturi und die Postmoderne rehabilitierten es ab 1966. Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron übersetzten es in der Bibliothek Eberswalde (1998) in eine zeitgenössische Sprache. Heute, 2026, ist Ornament wieder eine ernst zu nehmende Frage. Von Daniel Dalla Corte, Ermatingen.
Das Wichtigste in Kürze
- Adolf Loos (1870 bis 1933) hielt 1910 in Wien den Vortrag ‚Ornament und Verbrechen‘, der das Dekorationsverbot der Moderne prägte.
- Mies van der Rohes ‚Less is more‘ wurde zur Formel der klassischen Moderne, in der Ornament als verzichtbar galt.
- Robert Venturi setzte 1966 mit ‚Complexity and Contradiction in Architecture‘ sein ‚Less is a bore‘ dagegen und läutete die Postmoderne ein.
- Venturi, Scott Brown und Izenour veröffentlichten 1972 ‚Learning from Las Vegas‘, das Standardwerk der postmodernen Architekturtheorie.
- Die Basler Architekten Herzog & de Meuron entkriminalisierten das Ornament 1998 mit der Bibliothek Eberswalde, deren Fassade aus über 1’000 bedruckten Beton- und Glasplatten besteht.
- In der zeitgenössischen Schweizer Architektur ist Ornament als Material, Struktur oder Oberfläche zurückgekehrt, ohne dass es applizierte Dekoration wäre.
Wenn ich heute mit Bauherren über Fassaden spreche, höre ich oft den Satz: ‚Nur nichts Überladenes, bitte.‘ Ich verstehe das gut. Hinter dieser Bitte steht ein Jahrhundert, in dem das Ornament unter Generalverdacht stand. Aber die Geschichte ist komplexer, als die Schlagworte vermuten lassen. Sie führt von einem Wiener Architekten der Jahrhundertwende bis zu einer kleinen Bibliothek in Brandenburg, die Schweizer entworfen haben.
Adolf Loos und das ‚Verbrechen‘ des Ornaments
Im Januar 1910 hielt Adolf Loos im Akademischen Verband für Literatur und Musik in Wien einen Vortrag, der zum meistzitierten Architekturtext des 20. Jahrhunderts werden sollte. Sein Titel: ‚Ornament und Verbrechen‘.
Loos’ These ist provokant und einfach. Das Ornament sei eine Rückständigkeit. Es verschwende Arbeit, Material und Geld. Eine moderne Gesellschaft brauche keine Tätowierungen mehr, weder auf der Haut noch auf der Wand. Wer im Jahr 1908 noch ornamentiere, lebe geistig im Jahr 1880.
Interessant ist die Wirkungsgeschichte. Der Text wurde erst 1913 in Le Corbusiers Zeitschrift ‚Cahiers d’aujourd’hui‘ auf Französisch veröffentlicht. Auf Deutsch erschien er erst 1929 in der Frankfurter Zeitung. Die Datierung auf 1908, die heute oft genannt wird, geht auf Loos selbst zurück und ist historisch nicht belegt.
Trotz dieser Datierungsfrage hat Loos’ Pamphlet die klassische Moderne wie kein zweiter Text geprägt. Le Corbusier, Walter Gropius, Mies van der Rohe. Sie alle bauten ohne Ornament. Mies’ Formel ‚Less is more‘ wurde zum Mantra einer ganzen Generation.
Die klassische Moderne: Form folgt Funktion
Was Loos theoretisch forderte, wurde in der klassischen Moderne ab den 1920er-Jahren zum Programm. Das Bauhaus in Weimar und Dessau, die Werkbund-Siedlungen, die Weissenhofsiedlung in Stuttgart. Sie alle bauten in einer Sprache, die mit dem Ornament gebrochen hatte.
Louis Sullivans Satz ‚form follows function‘ wurde dazu der Wahlspruch. Architektur sollte ehrlich sein. Sie sollte zeigen, wozu sie gemacht ist, nicht so tun, als wäre sie etwas anderes. Eine Säule sollte tragen, eine Wand schliessen, ein Fenster Licht einlassen. Alles darüber hinaus galt als Lüge.
In der Schweiz fand diese Haltung in der ‚Neuen Sachlichkeit‘ ihren Widerhall, später in der ‚analogen Architektur‘ und in der nachkriegszeitlichen Bewegung des ‚Heimatstil-Verzichts‘. Wer wie ich heute in der Ostschweiz unterwegs ist, sieht die Erbstücke dieser Haltung in jedem Vorort. Plättli, Putz und glatte Fenster, ohne Geste, ohne Schmuck.
Robert Venturi und die postmoderne Wende
1966 erschien im Museum of Modern Art in New York ein schmaler Band, der die Architekturwelt erneut verschob: Robert Venturis ‚Complexity and Contradiction in Architecture‘. Der renommierte Architekturkritiker Vincent Scully nannte das Buch das wichtigste über Architektur seit Le Corbusiers ‚Vers une Architecture‘ von 1923.
Venturis These war eine direkte Antwort auf Mies van der Rohe. Wo Mies ‚Less is more‘ forderte, antwortete Venturi mit ‚Less is a bore‘. Architektur, so Venturi, müsse die Komplexität und die Widersprüche des modernen Lebens abbilden, nicht reduzieren. Ornament, Symbolik, historische Bezüge, Mehrdeutigkeit, all das gehöre wieder in die Architektur.
1972 vertieften Venturi, seine Frau Denise Scott Brown und Steven Izenour diese Position in ‚Learning from Las Vegas‘, erschienen bei MIT Press. Sie prägten die berühmten Begriffe ‚Duck‘ und ‚Decorated Shed‘. Die Ente steht für Gebäude, deren Form ihre Funktion ausdrückt. Der dekorierte Schuppen ist ein gewöhnliches Gebäude mit aufgesetzter Symbolik. Venturi plädierte für den dekorierten Schuppen, ehrlicher und sparsamer als die monumentale Ente.
Die postmoderne Architektur, die daraus entstand, war oft überkandidelt. Michael Graves’ Portland Building (1982), Philip Johnsons AT&T Building (1978 bis 1984) und Charles Moores Piazza d’Italia in New Orleans (1978) sind berüchtigte Beispiele. Für viele Kritiker geriet die Postmoderne zur Karikatur ihrer selbst. Für andere war sie eine überfällige Befreiung.
Die Schweizer Antwort: Ornamentaler Minimalismus
Während in den USA die Postmoderne ihre lauten Triumphe feierte, antworteten Schweizer Architekten leise. Die Basler Jacques Herzog und Pierre de Meuron, beide Jahrgang 1950, fanden ab den frühen 1990er-Jahren einen dritten Weg. Ihre Architektur wurde unter dem Begriff ornamentaler Minimalismus bekannt: einfache geometrische Körper, deren Oberflächen aber subtile Muster, Strukturen oder Bilder tragen.
Das Schlüsselwerk dieser Haltung steht nicht in der Schweiz, sondern in Brandenburg. Die Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde, 1998 fertiggestellt, ist ein schmuckloser, fast kistenartiger Quader. Doch seine Aussenhülle besteht aus über 1’000 vorgefertigten Beton- und Glasplatten, die im Siebdruckverfahren mit Fotografien des Künstlers Thomas Ruff bedruckt sind. Es sind Bilder aus seinem Privatarchiv, darunter Aufnahmen der Berliner Mauer.
Pierre de Meuron sagte selbst: ‚Ohne die Fotos wäre das ein langweiliger Klotz.‘ Damit ist alles gesagt. Die Bibliothek ist genau das, was Loos verteufelte und Venturi rehabilitierte: ein dekorierter Schuppen. Aber sie ist es auf Schweizer Art. Kein Pastiche, kein Zitat, kein historischer Bezug. Stattdessen: Ornament als Information, als Inhalt, als Tätowierung der Gegenwart.
Schon vorher hatten Herzog & de Meuron im Ricola-Werk in Mulhouse (1993) eine ähnliche Strategie verfolgt. Die Aussenwand des Lagerhauses zeigt eine Pflanzenfotografie von Karl Blossfeldt, in Serie auf Polycarbonat-Platten gedruckt. Ein Industriebau wird zum Kunstwerk, ohne dass eine einzige Verzierung im klassischen Sinn aufgebracht wäre.

Was ist Ornament heute? Eine Neudefinition
Wer im Jahr 2026 über Ornament spricht, meint nicht mehr dasselbe wie Loos vor 116 Jahren. Ornament ist heute kein aufgesetzter Zierrat mehr, sondern eine Strategie der Oberflächen-Bearbeitung, der Materialwahl, der Strukturierung.
Materielles Ornament. Eine Holzschalung mit unregelmässigen Fugen, ein handgeriebener Kalkputz mit lebendiger Spachteltextur, eine Sichtbetonwand mit Brettstruktur. All das ist Ornament, ohne dass es als solches deklariert wäre. Es entsteht aus dem Material und seiner Verarbeitung.
Strukturelles Ornament. Ein sichtbares Tragwerk aus Holzbalken, eine Riegelwand, eine Stahlfachwerkkonstruktion mit ihren Knotenpunkten. Die Konstruktion selbst wird zum Schmuck, weil sie ehrlich gezeigt wird, statt verkleidet zu werden.
Oberflächen-Ornament. Bedruckter Beton wie in Eberswalde, perforierte Metallfassaden, gewebte Vorhänge aus Aluminium. Diese Strategie ist explizit ornamental, aber sie nutzt zeitgenössische Techniken.
Rhythmisches Ornament. Die regelmässige Anordnung von Fenstern, die Folge von Stützen, die Modulation einer Fassade durch Vor- und Rücksprung. Ornament als Komposition, ohne ein einziges dekoratives Element.
Ornament in der Schweizer Bautradition
Die Ostschweiz hatte immer ein eigenes Verhältnis zum Ornament. Riegelhäuser mit ihrem sichtbaren Tragwerk, Bündner Strickbauten mit ihren handgehauenen Eckverbindungen, Thürgauer Fachwerkhäuser mit ihren bemalten Friesen, all das ist Ornament, das aus dem Bauen selbst entsteht. Wer in dieser Tradition sucht, findet keinen Gegensatz zwischen Schmuck und Konstruktion. Mehr dazu in meinem Beitrag zum Schweizer Heimatstil.
Für mich als Architekt am Bodensee bedeutet das eine pragmatische Haltung. Ich verteufle das Ornament nicht, ich überlade aber auch keine Fassade. Eine geschalte Sichtbetonwand, eine handgebürstete Holzfassade, eine sorgfältig gesetzte Lochfensterordnung, das sind die Ornamente, die ich heute baue. Sie folgen aus der Materialität, nicht aus dem Wunsch zu schmücken. Warum, habe ich auch im Beitrag zu Materialität und Haptik ausgeführt.
Warum die Spannung bleibt
Die Frage Ornament oder Verzicht ist nie endgültig beantwortet worden. Sie wird auch 2026 nicht entschieden. Sie wird in jedem Projekt neu gestellt.
Das ist gut so. Eine Architektur, die das Ornament endgültig verbietet, wird steril. Eine Architektur, die es freizügig zulässt, wird beliebig. Die Spannung dazwischen ist der eigentliche Ort der Gestaltung. Loos hatte recht, wenn er das gedankenlose Verzieren angriff. Venturi hatte recht, wenn er die menschliche Sehnsucht nach Bedeutung und Erzählung ernst nahm. Herzog & de Meuron haben recht, wenn sie Ornament heute als Material und Information neu denken.
Was bleibt, ist die alte Frage: Was bedeutet diese Form, die ich hier setze? Ist sie ehrlich? Trägt sie etwas oder bedeckt sie etwas? Diese Frage führt mich am Ende zurück zur Phänomenologie in der Architektur. Auch dort geht es um den Vorrang der Erfahrung vor der Geste.
Sie planen einen Neubau oder eine Sanierung in der Ostschweiz und ringen mit der Frage, wie viel Ornament eine Fassade verträgt?
Dalla Corte Architects begleitet Sie vom Konzept bis zur Detailausführung.

Häufig gestellte Fragen zu Ornament und Moderne
Was bedeutet Adolf Loos’ Schrift ‚Ornament und Verbrechen‘?
Loos forderte 1910, das Ornament aus der modernen Architektur zu verbannen. Er sah es als Rückständigkeit, die Arbeit, Material und Geld verschwende. Sein Pamphlet wurde zum Manifest der klassischen Moderne, obwohl er es selbst nie konsequent umsetzte.
Was unterscheidet Moderne und Postmoderne in Bezug auf Ornament?
Die klassische Moderne lehnte das Ornament ab und folgte dem Prinzip ‚form follows function‘. Die Postmoderne, eingeläutet von Robert Venturi 1966, rehabilitierte das Ornament als Träger von Bedeutung, Symbolik und kulturellem Bezug.
Was sind ‚Duck‘ und ‚Decorated Shed‘?
Beide Begriffe stammen aus Venturi, Scott Brown und Izenours ‚Learning from Las Vegas‘ (1972). Eine ‚Duck‘ ist ein Gebäude, dessen Form selbst eine Botschaft ist. Ein ‚Decorated Shed‘ ist ein gewöhnliches Gebäude mit aufgesetzter Symbolik. Venturi plädierte für den dekorierten Schuppen.
Wie haben Herzog & de Meuron das Ornament zurückgebracht?
Mit der Bibliothek Eberswalde (1998) und dem Ricola-Lager Mulhouse (1993) entwickelten die Basler Architekten einen ‚ornamentalen Minimalismus‘. Die Gebäudeform bleibt schlicht, die Oberfläche wird durch bedruckte Beton- und Glasplatten zur Trägerin von Information und Bild.
Ist Ornament heute wieder erlaubt in der Architektur?
Ja, aber in neuer Form. Ornament heute heisst nicht mehr Stuckdekor oder klassische Friese. Es heisst Materialwahl, Oberflächenbearbeitung, strukturelle Sichtbarkeit oder rhythmische Komposition. Die Architektur arbeitet mit dem Ornament, ohne es als Zierrat aufzukleben.
Was bedeutet ‚Less is more‘ und ‚Less is a bore‘?
‚Less is more‘ ist die Formel des deutsch-amerikanischen Architekten Mies van der Rohe und steht für die Reduktion der klassischen Moderne. ‚Less is a bore‘ ist Robert Venturis postmoderne Antwort darauf: Reduktion sei langweilig.
Welche Rolle spielt Ornament in der Schweizer Bautradition?
Die Schweizer Bautradition kennt Ornament aus dem Material und der Konstruktion. Riegelhäuser, Strickbauten, bemalte Fachwerke und gehauene Eckverbindungen sind Ornamente, die aus dem Bauen selbst entstehen. Diese Linie lässt sich bis in zeitgenössische Holz- und Sichtbetonbauten verfolgen.
Fazit: Die produktive Spannung halten
Das Verhältnis von Ornament und Moderne ist keine ausgehandelte Frage. Es ist eine offene Spannung, die jede Generation neu bearbeitet. Loos verbot, Venturi erlaubte, Herzog & de Meuron übersetzten. Was bleibt, ist die Aufgabe, in jedem Projekt eine eigene Antwort zu finden.
Mein Rat als Architekt am Bodensee: Misstrauen Sie der Angst vor dem Ornament genauso wie der Lust am Schmuck. Beides führt zu Karikaturen. Vertrauen Sie stattdessen auf das Material, auf die Konstruktion, auf den Ort. Wer ehrlich baut, ornamentiert ohnehin, weil ehrliche Materialien Texturen, Spuren und Geschichten tragen. Das ist das Ornament unserer Zeit. Und es ist kein Verbrechen.
Über den Autor
Daniel Dalla Corte ist Architekt und Gründer der Dalla Corte Architects GmbH in Ermatingen am Bodensee. Das Büro ist seit 2006 auf nachhaltige Bauplanung, Renovierungen und Sanierungen für Wohn- und Gewerbebauten in der Ostschweiz spezialisiert. Schwerpunkte: Holzbau, Sichtbeton, materialgerechte Detaillierung.

