Architektur und Klima
Architektur und Klima: Wie ich als Architekt im Anthropozän baue
Lesezeit: ca. 11 Minuten | Stand: 16. September 2026 | Von Daniel Dalla Corte
Der Schweizer Gebäudepark verantwortet 22 Prozent der inländischen CO2-Emissionen (BAFU 2026). Die Bauwirtschaft insgesamt verursacht rund 11 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr und produziert 80 Prozent des Schweizer Abfalls. Seit 2023 ist das Netto-Null-Ziel 2050 gesetzlich verankert (Klima- und Innovationsgesetz KIG, in Kraft seit 1.1.2025). Für uns Architekten bedeutet das eine Zeitenwende: Bauen im Anthropozän heisst, jede Materialentscheidung, jeden Grundriss, jedes Bauteil an einer Frage zu messen , was hinterlässt dieses Haus in 100 Jahren? Von Architekt Daniel Dalla Corte, Ermatingen.
Das Wichtigste in Kürze
- Schweizer Gebäudepark: 22 Prozent der inländischen CO2-Emissionen (BAFU CO2-Rechner Gebäude, Mai 2026).
- Bauwirtschaft insgesamt: 11 Mio. Tonnen CO2eq/Jahr + 80 Prozent des Schweizer Abfalls (SIA-Fachtagung 2024).
- Graue Treibhausgasemissionen (Baumaterialien): 10 Prozent des Schweizer THG-Fussabdrucks (KBOB Faktenblatt 2025).
- Netto-Null-Ziel 2050 gesetzlich verankert seit KIG (angenommen 2023, in Kraft 1.1.2025).
- Neue Pflicht für Kantone: Grenzwerte für graue Energie im Gebäudebereich (Art. 45 Abs. 3 lit. e EnG).
- Bestandssanierung schlägt Neubau in fast allen Klimarechnungen , nur die Hülle des Neubaus wiegt bereits 400-600 kg CO2 pro Quadratmeter.
- Materialentscheidung: Holzbau, RC-Beton und CO2-optimierte Zemente reduzieren die Emissionen um 30-60 Prozent gegenüber Standard.
- Schweizer Temperaturanstieg seit 1864: rund 2 Grad Celsius , doppelt so viel wie im globalen Mittel.
Wenn ich heute einen Bauplan aufschlage, sehe ich zwei Dinge gleichzeitig. Ich sehe einen Grundriss. Und ich sehe eine Klima-Bilanz über die nächsten 100 Jahre. Das eine kann man ohne das andere nicht mehr entwerfen.
Wer im Anthropozän baut, hinterlässt mehr als ein Haus. Er hinterlässt eine CO2-Signatur , für Jahrzehnte, oft Jahrhunderte.
In diesem Beitrag zeige ich, wie ich als Architekt am Bodensee die Klimafrage in meine Planung integriere. Welche gesetzlichen Grundlagen 2026 gelten, welche Materialentscheidungen den grössten Effekt haben, wie Bauherren pragmatisch handeln können. Aus 20 Jahren Praxis in der Ostschweiz.
Was heisst ‚Anthropozän‘ für das Bauen?
Anthropozän bezeichnet ein geologisches Zeitalter, in dem der Mensch die entscheidende geologische Kraft ist. Für das Bauen bedeutet das: unsere Materialentscheidungen greifen in geologische Kreisläufe ein, unsere Emissionen verändern das Klima. Das ist kein Feuilleton-Begriff, sondern eine planungsrelevante Kategorie.
Zwei Verantwortungen. Als Architekt trage ich seit den 1980ern Verantwortung für die Betriebsenergie eines Gebäudes. Seit den 2010ern zunehmend auch für die graue Energie , also für die Energie, die in den Baumaterialien selbst steckt. Beide zusammen ergeben den vollen Klima-Fussabdruck eines Hauses.
Was sich ändert. Früher galt: gut dämmen, sauber heizen , dann ist die Klima-Rechnung erfüllt. Heute reicht das nicht mehr. Bei einem Minergie-P-Neubau macht die graue Energie über die ersten 30 bis 50 Nutzungsjahre den grösseren Teil des CO2-Fussabdrucks aus. Wer nur die Heizung betrachtet, löst die Hälfte des Problems.
Was das für den Entwurf heisst. Ich denke heute in Materialbilanzen: Wie viel Beton, wie viel Stahl, wie viel Zement, wie viel Kunststoff. Welche Menge davon ist rezykliert, welche verwertbar am Lebensende. Das ist keine Öko-Buchhaltung, sondern Grundlage jeder ehrlichen Klimastrategie.
Für die praktische Umsetzung im Baumaterial: mein Beitrag zu Recycling-Beton zeigt, wie sich die graue Energie im wichtigsten Massenbaustoff reduzieren lässt. Zum Vergleich der Materialien: Holzbau im Wohnbau.
Was besagen die Schweizer Zahlen konkret?
Vier Zahlen sollten Bauherren und Architekten in der Schweiz kennen. Sie definieren den Rahmen. Der Ratgeber CO2-Rechner Gebäude des BAFU (Mai 2026) legt die Grundlage.
Die vier Kennzahlen 2026
- 22 Prozent: Anteil des Schweizer Gebäudeparks an den inländischen CO2-Emissionen (BAFU)
- 11 Mio. Tonnen CO2eq: jährliche Emissionen der Schweizer Bauwirtschaft (SIA-Fachtagung)
- 80 Prozent: Anteil der Bauwirtschaft am Schweizer Abfall (SIA)
- 10 Prozent: Anteil der grauen Treibhausgasemissionen aus Baumaterialien am Schweizer THG-Fussabdruck (KBOB Faktenblatt April 2025)
Was schon erreicht wurde. Die Schweizer Zementindustrie hat den CO2-Ausstoss pro Tonne Zement seit den 1990er Jahren um 30 Prozent reduziert (Baumeisterverband). Beton wird bereits zu über 85 Prozent recycelt. Das ist keine Vollendung, aber ein starker Ausgangspunkt.
Was bevorsteht. Ab 2026 müssen die Kantone gemäss Art. 45 Abs. 3 lit. e EnG Grenzwerte für die graue Energie im Gebäudebereich festlegen. Bisher war graue Energie meist eine freiwillige Bilanz. Sie wird zur baurechtlichen Pflicht.
Der Kanton Zürich zeigt exemplarisch, wie die politische Konsequenz aussieht: 120’000 Erdöl- und Erdgasheizungen verursachen dort rund 40 Prozent der CO2-Emissionen des Kantons. Neue Regeln lassen den Ersatz mit fossilen Heizungen nur noch zu, wenn erneuerbare technisch unmöglich sind. Details zur konkreten Umsetzung im Sanierungskontext in meinem Beitrag zur Energetischen Sanierung und Förderungen 2026.
Wir haben in der Schweiz kein Erkenntnisproblem beim Klima. Wir haben ein Umsetzungsproblem. Und wer baut, entscheidet mit.
Warum ist Bestandssanierung fast immer der bessere Klimaweg?
Aus 20 Jahren Praxis ist eine Überzeugung gewachsen: Der beste Neubau ist meist eine gute Sanierung. Die Klimarechnung ist eindeutig.
Die graue Energie eines Neubaus. Ein durchschnittlicher Schweizer Neubau bringt schon vor dem ersten Bewohnen 400 bis 600 kg CO2 pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche mit. Das entspricht rund 40 bis 60 Jahren Heizung mit einer modernen Wärmepumpe. Wer neu baut, hat den Klima-Kredit der ersten Jahrzehnte bereits verbraucht.
Die graue Energie einer Sanierung. Eine energetische Sanierung eines Bestandsgebäudes bringt typisch 80 bis 200 kg CO2 pro Quadratmeter mit , also drei- bis fünfmal weniger als ein Neubau. Die Grundsubstanz besteht bereits, Fundament und Rohbau bleiben.
Wann Neubau trotzdem sinnvoll ist. Bei sehr schlechter Grundsubstanz (nicht sanierbare Statik, unmodifizierbarer Grundriss), bei viel dichterer Neubebauung (Verdichtungsgewinn), bei Sonderfunktionen (Wohnen statt Gewerbe). Dann kann Neubau klimapolitisch aufgehen , aber die Argumentation muss stehen.
Wenn Sie vor der Wahl zwischen Sanierung und Neubau stehen, empfehle ich eine ehrliche Klimabilanz. Die grosse Klimafrage für das eigene Haus ist nicht ‚dos Zumbaus‘, sondern ‚dos Neubaus‘. Details zum Prozess in meinem Beitrag zur Kernsanierung vs. Teilsanierung.

Welche Materialentscheidungen haben den grössten Effekt?
Nicht jedes Bauteil hat den gleichen Klimahebel. Fünf Materialentscheidungen bringen 80 Prozent der Wirkung.
1. Der Betontyp. Standard-Beton mit CEM I ist der kritischste Baustoff. RC-Beton mit CO2-optimiertem CEM II/B-LL oder CEM III/B reduziert den CO2-Fussabdruck des Rohbaus um 25-35 Prozent. Bei einem Einfamilienhaus sind das 5-12 Tonnen CO2.
2. Die Tragkonstruktion. Holzbau statt Massivbau kann die graue Energie um 40-60 Prozent senken. Holz speichert dabei CO2 aus der Atmosphäre (rund 800 kg pro Kubikmeter Holz). Bei einem 200-Quadratmeter-EFH sind das leicht 20-40 Tonnen CO2.
3. Die Dämmstoffe. Naturdämmstoffe (Zellulose, Holzfaser, Hanf) haben rund 5-10-mal niedrigere Primärenergiewerte als EPS oder PUR. Bei einer Fassaden-Dämmung von 150 Quadratmetern entspricht das 2-5 Tonnen CO2.
4. Die Fenster. Aluminium-Fenster haben rund doppelt so hohe graue Emissionen wie Holz-Metall-Fenster. Bei einer typischen EFH-Bestellung von 30 Fenstern: 2-4 Tonnen CO2 Unterschied.
5. Der Haustechnikkomponentensatz. Lüftungsgeräte, Wärmepumpen, Wasserinstallationen bringen bei Neubauten zunehmend Materialgewicht mit. Ein modular aufgebautes System, das sich erweitern und ersetzen lässt, hat über den Lebenszyklus die bessere Bilanz.
Meine Praxis: Für jedes Bauteil wähle ich das Material, das die beste Kombination aus Funktion, Kosten und CO2 bietet. Nicht immer das ökologischste, aber immer das reflektiert gewählte. Details zur Materialwahl in meinem Beitrag zu Dämmaterialien im Vergleich.
Ein Kilogramm rezyklierter Beton spart weniger CO2 als ein Kilogramm nicht gebauter Beton. Der einfachste Klimaschutz ist das Weglassen.
Was heisst Kreislaufwirtschaft im Bau konkret?
Kreislaufwirtschaft ist kein Gestaltungs-Trend, sondern eine Rechen-Systematik. Sie fragt nach der Lebensdauer von Bauteilen, ihrer Rückbaubarkeit, ihrer Wiederverwertbarkeit. Vier Prinzipien haben sich in meiner Praxis bewährt.
1. Trennbarkeit von Bauteilen. Verklebte Verbundelemente sind Klima-Fallen. Sie lassen sich nicht wieder trennen, nicht wieder aufbereiten. Konstruktionen mit Schrauben, Steckverbindungen, Kalkmörtel dagegen können rückgebaut und die Materialien wieder verwertet werden.
2. Standardisierte Elemente. Ein Fenster in Normmass kann in 40 Jahren durch ein neues Normfenster ersetzt werden. Ein Sonderfenster in einer Sonderausführung nicht. Standardisierung ist ein Klima-Instrument.
3. Reversible Konstruktionen. Wände, die man wieder abbauen kann, verlangen weniger Neuinvestition bei späteren Umnutzungen. Ein Haus, das seine Nutzung in 30 Jahren wechseln kann, hat eine bessere Klimabilanz als ein Haus, das seinen ersten Zweck überdauert.
4. Rückbau-Konzept schon bei der Planung. Wie lässt sich dieses Gebäude in 50 Jahren rückbauen? Welche Materialien gehen wohin? Diese Frage stelle ich meinen Bauherren im Vorprojekt. Sie klingt akademisch, aber sie verändert die Konstruktion.
Meine Praxis: Ich zeichne bewusst mit trennbaren Bauteilen. Das ist manchmal einige Prozent teurer, aber schafft über die gesamte Lebensdauer eines Hauses erhebliche Klimaeinsparungen. Zur strategischen Materialwahl siehe meinen Beitrag zur Materialität und Haptik.
Was rate ich Bauherren im Klima-Kontext?
Sechs Empfehlungen aus meiner Beratungspraxis. Sie folgen einer klaren Hierarchie: erst weniger, dann besser, dann kompensieren.
1. Baue weniger. 20 Quadratmeter weniger Wohnfläche sparen mehr CO2 als jede Dämmung. Diese Empfehlung ist unbeliebt, aber sie ist wahr. Fragen Sie sich, ob Sie den Raum wirklich brauchen , nicht ob Sie ihn haben könnten.
2. Saniere lieber, als neu zu bauen. Wo möglich, ist die Sanierung des Bestands die klimapolitische Standardlösung. Ein saniertes Haus ist ein zweifach genutztes Haus , in Klima-Rechnung sehr wertvoll.
3. Wähle Naturmaterialien wo möglich. Holz statt Beton, Naturdämmstoffe statt Erdöl-Produkte, Kalkputze statt Silikonfarben. Wo die Funktion es zulässt, sind Naturmaterialien meist die klimafreundlichere Wahl.
4. Verlange RC-Beton und CO2-optimierten Zement. In der Ausschreibung explizit fordern. Fast alle Schweizer Betonwerke können liefern. Ohne Ausschreibungspflicht wird der teurere Primärbeton eingesetzt , oft aus Gewohnheit.
5. Denke in Lebenszyklen, nicht in Erstinvestition. Ein Haus mit 100 Jahren Nutzungsdauer amortisiert seine graue Energie. Ein Haus, das nach 40 Jahren abgerissen wird, tut das nicht. Bauen Sie für Dauer, nicht für Mode.
6. Kombiniere Solar und effiziente Heizung. Die Betriebsemissionen sind der andere Teil der Rechnung. Photovoltaik plus Wärmepumpe (bevorzugt Erdsonde) ist die Klimastandard-Kombination für Schweizer Neubauten 2026.
Diese sechs Empfehlungen wirken pragmatisch, aber sie verändern die Rechnung erheblich. Ein Haus, das diese Regeln befolgt, hat einen 40-60 Prozent tieferen Klima-Fussabdruck als der Standard. Details zur Kombination Solar plus Erdsonde in meinem Beitrag zur Erdsondenheizung.
Praxisbeispiel: Klima-Rechnung für ein EFH in Ermatingen
Ein Bauherrenpaar plant 2026 einen Neubau in Ermatingen. 180 Quadratmeter Wohnfläche, Minergie-P-Standard. Ich zeige die Klimabilanz in drei Szenarien.
Szenario A: Standard-Neubau (Massivbau, Primärbeton, EPS-Dämmung)
- Graue Energie Erstellung: 108’000 kg CO2 (600 kg pro m²)
- Betriebsemissionen 50 Jahre (Luftwärmepumpe): 45’000 kg CO2
- Gesamt-Fussabdruck 50 Jahre: 153’000 kg CO2
Szenario B: Optimierter Neubau (RC-Beton, Holzweichfaser-Dämmung, Erdsonde+PV)
- Graue Energie Erstellung: 76’000 kg CO2 (420 kg pro m², minus 30 %)
- Betriebsemissionen 50 Jahre (Erdsonde+PV): 12’000 kg CO2 (minus 73 %)
- Gesamt-Fussabdruck 50 Jahre: 88’000 kg CO2 (minus 42 %)
Szenario C: Sanierung Bestandsgebäude 1970er
- Graue Energie Sanierung: 28’000 kg CO2 (155 kg pro m²)
- Betriebsemissionen 50 Jahre (Erdsonde+PV nach Sanierung): 18’000 kg CO2
- Gesamt-Fussabdruck 50 Jahre: 46’000 kg CO2 (minus 70 % gegenüber A)
Das Beispiel zeigt: Die Sanierung liegt klimapolitisch weit vor dem besten Neubau. Und selbst innerhalb der Neubau-Option macht die Materialentscheidung 30-40 Prozent Unterschied. Details zur Sanierung im Bestand siehe meinen Beitrag zur Altbausanierung Schweiz.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist das Netto-Null-Ziel 2050?
Die Schweiz hat sich verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 auf netto null zu reduzieren. Das Ziel wurde 2023 mit dem Klima- und Innovationsgesetz (KIG) durch die Stimmbevölkerung angenommen und ist seit 1. Januar 2025 gesetzlich verbindlich. Alle Sektoren, auch der Bausektor, müssen ihren Beitrag leisten.
Was ist graue Energie im Bauwesen?
Die Energie, die für Herstellung, Transport, Einbau und Entsorgung von Baumaterialien anfällt. Nicht die Heizungsenergie im Betrieb. Bei modernen Minergie-Neubauten macht die graue Energie über 30-50 Jahre den grösseren Teil des CO2-Fussabdrucks aus. Ein 200-Quadratmeter-Neubau bringt 80-120 Tonnen CO2 mit, bevor er bewohnt wird.
Warum ist Sanierung klimapolitisch fast immer besser als Neubau?
Weil die Grundsubstanz (Fundament, Rohbau, teils Hülle) bereits besteht. Die graue Energie einer Sanierung liegt bei 80-200 kg CO2 pro Quadratmeter, die eines Neubaus bei 400-600 kg. Bei einem 200-Quadratmeter-Objekt sind das 40-80 Tonnen CO2 Unterschied , mehr als der gesamte Betriebs-CO2-Ausstoss der ersten 30 Jahre.
Welcher Baustoff ist am klimafreundlichsten?
Holz aus regionaler, nachhaltiger Forstwirtschaft. Es speichert CO2 aus der Atmosphäre (rund 800 kg pro Kubikmeter), ist nachwachsend und am Lebensende energetisch verwertbar. In der Schweiz sind rund 32 Prozent der Fläche bewaldet, und der Holzzuwachs übersteigt die Nutzung.
Was ist Recycling-Beton?
Beton, in dem ein Teil der natürlichen Gesteinskörnung durch aufbereiteten Betonabbruch ersetzt wird. In der Schweiz nach SIA-Merkblatt 2030:2021 in zwei Kategorien: RC-C (Betonabbruch) und RC-M (Mischabbruch). Preislich gleichwertig zu Primärbeton, technisch für fast alle Standardanwendungen geeignet.
Wie viel CO2 kann ich mit klimafreundlicher Bauplanung sparen?
Bei einem Einfamilienhaus im Vergleich Standard-Neubau zu optimiertem Neubau: 40-60 Tonnen CO2 über die ersten 50 Jahre. Bei Sanierung statt Neubau: bis 100 Tonnen. Zum Vergleich: Ein Schweizer pro Kopf CO2-Fussabdruck beträgt aktuell rund 12 Tonnen pro Jahr.
Was ändert sich für Bauherren mit den neuen Grenzwerten?
Ab 2026 müssen Kantone Grenzwerte für die graue Energie im Gebäudebereich festlegen (Art. 45 Abs. 3 lit. e EnG). Was bisher freiwillig war (Bilanzierung, Minergie-ECO), wird zur baurechtlichen Pflicht. Bauherren müssen die graue Energie ihres Projekts nachweisen und einhalten.
Bin ich als Bauherr allein für die Klimabilanz verantwortlich?
Nein. Als Architekt ist es meine Aufgabe, Sie zu beraten und die klimarelevanten Entscheidungen mit Ihnen zu treffen. Als Bauherr entscheiden Sie über Budget, Programm und Zielsetzung. Als Fachplaner tragen HLK, Elektro, Statik bei. Klimafreundliches Bauen ist ein Teamergebnis , aber es braucht einen Architekten, der die Verantwortung ernst nimmt.
Fazit
Bauen im Anthropozän ist keine Öko-Nische, sondern die neue Baukultur. Der Schweizer Gebäudepark hat einen 22-Prozent-Anteil an den nationalen CO2-Emissionen, und die graue Energie kommt zunehmend baurechtlich unter Regulierung. Für uns Architekten heisst das: jede Materialentscheidung, jeder Grundriss, jede Sanierung ist auch eine Klimaentscheidung. Wir können uns dieser Verantwortung nicht mehr entziehen.
Ein Architekt im Anthropozän ist wie ein Chirurg im 19. Jahrhundert: Er kann das Wissen ignorieren , oder er kann es nutzen. Beides hat Folgen.
Mein Rat aus 20 Jahren Praxis am Bodensee: Beginnen Sie jedes Bauprojekt mit einer Klimafrage: Sanierung möglich? Fläche reduzierbar? Materialien optimierbar? Betrieb dekarbonisierbar? Wer diese vier Fragen ehrlich beantwortet, baut ein Haus, das nicht nur eine gute Adresse ist, sondern auch eine gute Übergabe an die nächste Generation. Details zur strategischen Umsetzung in meinem Beitrag zum Holzbau im Wohnbau.
Über den Autor
Daniel Dalla Corte ist Architekt und Gründer der Dalla Corte Architects GmbH in Ermatingen am Bodensee. Das Büro ist seit 2006 auf klimasensible Bauplanung, kreislauffähige Materialstrategien und ganzheitliche Sanierungskonzepte für Wohn- und Gewerbebauten in der Ostschweiz spezialisiert.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Klimaberatung. Für Ihr Projekt kontaktieren Sie einen Architekten oder einen Energieberater mit Ökobilanz-Erfahrung.

