Architektur und Klima

Daniel Dalla Corte • 29. April 2026

Architektur und Klima: Bauen im Anthropozän 

Lesezeit: ca. 8 Minuten | Stand: 28. April 2026 | Von Daniel Dalla Corte 


Architektur und Klima im Anthropozän bedeutet, jedes Bauprojekt als Eingriff in ein endliches System zu verstehen. Der Schweizer Gebäudesektor verursacht rund 25 Prozent der nationalen CO2-Emissionen und 84 Prozent aller Abfälle. Mit dem Klima- und Innovationsgesetz (in Kraft seit 1. Januar 2025) und der neuen Norm SIA 390/1 Klimapfad ist Klimaarchitektur in der Schweiz keine Ideologie mehr, sondern Pflicht. Von Daniel Dalla Corte, Ermatingen. 


Das Wichtigste in Kürze 

  • Der Begriff Anthropozän stammt aus dem Jahr 2000 vom niederländischen Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und beschreibt eine Erdepoche, in der der Mensch zum geologischen Faktor geworden ist. 
  • Der Schweizer Gebäudepark verursacht jährlich rund 9,6 Millionen Tonnen CO2 (2023), 40 Prozent des Endenergieverbrauchs und 84 Prozent aller Abfälle in der Schweiz. 
  • Das Klima- und Innovationsgesetz wurde am 18. Juni 2023 mit 59,1 Prozent Ja angenommen und ist seit 1. Januar 2025 in Kraft. Ziel: Netto-Null bis 2050. 
  • Die Norm SIA 390/1 Klimapfad (publiziert 1. Februar 2025) ersetzt das Merkblatt SIA 2040 und ist der neue Schweizer Standard für klimagerechtes Bauen. 
  • Graue Energie aus Beton, Stahl und Zement entscheidet zunehmend, ob ein Gebäude klimagerecht ist. Bestand schlägt Neubau, fast immer. 

 

Wenn ich heute eine Baustelle betrete, denke ich an etwas, woran ein Bauherr selten denkt: Was bleibt, wenn unser Haus in 80 Jahren wieder verschwindet? Und was haben wir aus dem Boden geholt, um es zu errichten? Das ist keine philosophische Spielerei. Das ist die zentrale Frage des Anthropozäns. 


Anthropozän: Wenn der Mensch zum geologischen Faktor wird 

Der Begriff Anthropozän wurde im Jahr 2000 vom niederländischen Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen gemeinsam mit dem US-amerikanischen Biologen Eugene F. Stoermer im Newsletter des International Geosphere-Biosphere Programme eingeführt. Crutzen, Nobelpreisträger für Chemie von 1995, hatte zuvor die Mechanismen des Ozonlochs entschlüsselt. Mit dem Anthropozän stellte er eine geologische These auf: Die Menschheit ist zu einer Naturgewalt geworden. 


Die International Commission on Stratigraphy hat den Anthropozän-Vorschlag im März 2024 zwar formal abgelehnt. Als kulturelles Bild bleibt er trotzdem wirksam. Wir leben in einer Zeit, in der Beton, Plastik und radioaktive Sedimente messbar in Bohrkernen erscheinen. Die Architektur trägt zu diesem Befund mehr bei als fast jede andere Disziplin. 


Was das für die Schweiz heisst: Die nüchternen Zahlen 

Wer im Schweizer Bauwesen ehrlich rechnet, kommt schnell zu unangenehmen Wahrheiten. Der Gebäudepark der Schweiz steht 2026 für rund 9,6 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, das sind ungefähr 25 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen. Hinzu kommen 40 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs und 84 Prozent aller Abfälle. Bauen ist in der Schweiz mit Abstand die ressourcenintensivste Tätigkeit, die wir kennen. 


Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Seit 1990 haben wir die CO2-Emissionen aus dem Gebäudebetrieb um 40 Prozent gesenkt. Pro Einwohner sogar um 57 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich beachtlich. Doch die Aufgabe wird grösser, nicht kleiner. Von den rund 1,8 Millionen bestehenden Gebäuden in der Schweiz werden zwei Drittel noch immer fossil beheizt. Die Sanierungsquote liegt bei unter einem Prozent. Sie müsste sich verdreifachen, um Netto-Null bis 2050 zu erreichen. 


Klima- und Innovationsgesetz: Der gesetzliche Rahmen seit 2025 

Die Schweizer Stimmbevölkerung hat am 18. Juni 2023 das Klima- und Innovationsgesetz (KIG) mit 59,1 Prozent Ja angenommen. Seit dem 1. Januar 2025 ist es in Kraft. Erstmals hat sich die Schweiz auf Verfassungsebene zu Netto-Null bis 2050 bekannt. Bund und Kantone müssen das Ziel sogar bis 2040 erreichen, sie sollen Vorbild sein. 


Für Bauherren bringt das Konkretes. Über zehn Jahre stehen jährlich 200 Millionen Franken zusätzlich zur Verfügung, um fossile Heizungen zu ersetzen. Die Industrie muss ihre Emissionen bis 2040 um 50 Prozent senken, bis 2050 um 90 Prozent. Das betrifft auch Zement und Stahl, die beiden grössten CO2-Verursacher unter den Baustoffen. 


Was im Gesetz steht, ist das eine. Was es in der Praxis verlangt, ist das andere. Eine Heizungssanierung dauert zwei Wochen. Die kulturelle Anpassung an klimagerechtes Bauen dauert eine Generation. 


SIA 390/1 Klimapfad: Der neue Schweizer Standard 

Am 1. Februar 2025 hat der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein die Norm SIA 390/1 Klimapfad publiziert. Sie ersetzt das bisherige Merkblatt SIA 2040 von 2017. Im Unterschied zur alten Fassung führt die Norm einen verbindlichen Absenkpfad bis 2050 ein. Sie betrachtet den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes: Erstellung, Betrieb und induzierte Mobilität. 


Für mich ist die Norm ein Wendepunkt. Sie zwingt uns Architekten, schon im Vorprojekt über CO2-Bilanzen nachzudenken. Nicht erst, wenn der Beton gegossen ist. Die Berechnungsgrundlage liefern die KBOB-Ökobilanzdaten im Baubereich, deren Version 8.0 ebenfalls Anfang 2025 erschienen ist. Damit ist die Datenlage für klimagerechtes Bauen so gut wie nie zuvor. 


Graue Energie: Der unterschätzte CO2-Berg 

Wenn ein Gebäude heute energetisch saniert ist, eine Wärmepumpe besitzt und gut gedämmt ist, dann hat es im Betrieb fast keine Emissionen mehr. Die ehrliche Wahrheit lautet aber: Die Hälfte des CO2-Ausstosses eines Neubaus entsteht bevor jemand einzieht. In der Erstellung selbst. 


Diesen unsichtbaren Berg nennt die Fachsprache graue Energie. Sie steckt in Zement, Stahl, Aluminium, Glas, im Transport und im Rückbau. Allein die Herstellung von Baumaterialien macht in der Schweiz rund 10 Prozent der Treibhausgasemissionen aus, vor allem wegen Zement und Stahl. Jedes Jahr fallen rund 4 Millionen Tonnen Bauabfall an, primär durch Abrisse. 


Daraus folgt eine Konsequenz, die viele Bauherren ungern hören. Bestand schlägt Neubau, fast immer. Wer ein altes Haus weiterbaut, statt es abzureissen, spart oft mehr CO2 ein als jede Photovoltaikanlage je liefern kann. Diesen Gedanken vertiefe ich im Beitrag zu Denkmalschutz und Bauen


Was Architektur im Anthropozän praktisch bedeutet 

Klimagerechtes Bauen ist für mich keine Stilfrage. Es ist eine Reihe nüchterner Entscheidungen, die jedes Projekt prägen. 


Holz vor Beton, wenn möglich. Schweizer Holz ist eine CO2-Senke, solange es im Bauwerk gebunden bleibt. Ein Mehrfamilienhaus in Holzbauweise spart gegenüber einem Massivbau bis zu 50 Prozent graue Emissionen. In der Ostschweiz haben wir dafür eine alte Tradition, vom Bündner Strickbau bis zum Thurgauer Riegelhaus. Mehr dazu in meinem Artikel zum Schweizer Heimatstil


Lokale Materialien, kurze Wege. Kalkstein aus dem Jura, Granit aus dem Tessin, Tannenholz aus dem Thurgau. Wer regional baut, halbiert die Transportemissionen und stützt die Wirtschaft vor Ort. Diesen Gedanken vertiefe ich im Beitrag zu Materialität und Haptik


Sanieren statt abreissen. Ein Bestandsgebäude trägt seine Erstellungsemissionen schon in sich. Sie sind bezahlt. Wer abreisst und neu baut, schreibt diese Bilanz ab und beginnt wieder bei null. In neun von zehn Fällen ist die Sanierung klimatechnisch überlegen, selbst wenn sie aufwendiger ist. 


Kreislauffähig konstruieren. Schraubverbindungen statt Klebstoffe. Trockenbau statt verbundene Estriche. Materialien, die sich am Lebensende sortenrein trennen lassen. Das verteuert ein Projekt anfangs leicht, spart aber beim Rückbau und bei den Folgekosten. 


Photovoltaik integrieren, nicht aufkleben. Eine PV-Anlage gehört auf das Dach jedes Schweizer Neubaus, das ist Stand der Technik. Architektonisch wertvoll wird sie aber erst, wenn sie Teil der Hülle ist und nicht ein nachträgliches Anhängsel. 


Klimaanpassung: Der zweite, oft vergessene Auftrag 

Klimaschutz ist die eine Hälfte der Aufgabe. Die andere heisst Klimaanpassung. Die Durchschnittstemperatur in der Schweiz ist seit 1864 um rund 2 Grad Celsius gestiegen, das ist doppelt so viel wie der globale Durchschnitt. Wir haben mehr Hitzetage, häufigere Starkniederschläge, längere Trockenperioden. 


Im Entwurf bedeutet das konkret: Verschattung und Querlüftung mitdenken statt Klimageräte nachrüsten. Begrünte Dächer, helle Fassaden, Speichermasse für die Nachtkühlung. Versiegelte Vorplätze und Parkflächen sind nicht nur Wasserprobleme, sondern auch Hitzespeicher. Jeder Quadratmeter Belag ist eine Entscheidung gegen oder für die nächste Hitzewelle. 


Bauen im Anthropozän in der Ostschweiz 

Hier am Bodensee merken wir den Klimawandel direkt. Die Wasserstände schwanken stärker. Die Sommer trocknen die Obstplantagen aus, die seit Generationen unsere Landschaft prägen. Die Alpen, in denen ich gerne wandere, verlieren ihre Gletscher. 


Architektur in der Ostschweiz hat trotzdem alle Voraussetzungen, klimagerecht zu sein. Die Tradition der einfachen, lokalen Bauweise, die Nähe zu Schweizer Holzproduzenten, die handwerkliche Qualität der Region. Ich erlebe es bei meinen Bauherren in Ermatingen, Triboltingen, Mannenbach, Salenstein. Wenn ich mit ihnen über graue Energie spreche, dann ist das kein abstraktes Thema. Es ist Teil ihrer Verantwortung gegenüber der Landschaft, die sie selbst geprägt hat. 


Sie planen einen Neubau, eine Sanierung oder einen Ersatzbau in der Ostschweiz und möchten klimagerecht bauen? Dalla Corte Architects begleitet Sie von der ersten CO2-Bilanz bis zur Schlüsselübergabe. 

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Häufig gestellte Fragen zu Architektur und Klima im Anthropozän 


Was ist das Anthropozän einfach erklärt? 

Das Anthropozän bezeichnet eine Epoche, in der der Mensch zum prägenden Einflussfaktor auf Klima, Geologie und Biosphäre der Erde geworden ist. Der Begriff wurde im Jahr 2000 vom Nobelpreisträger Paul J. Crutzen vorgeschlagen. 


Wie viel CO2 verursacht der Schweizer Gebäudesektor? 

Der Schweizer Gebäudepark verursacht jährlich rund 9,6 Millionen Tonnen CO2 (Stand 2023). Das entspricht etwa 25 Prozent aller Schweizer Treibhausgasemissionen. Hinzu kommen 40 Prozent des Endenergieverbrauchs und 84 Prozent aller Abfälle. 


Was ist das Klima- und Innovationsgesetz? 

Das Klima- und Innovationsgesetz (KIG) wurde am 18. Juni 2023 mit 59,1 Prozent Ja angenommen und ist seit 1. Januar 2025 in Kraft. Es legt das Netto-Null-Ziel bis 2050 fest und stellt zwei Milliarden Franken über zehn Jahre für den Heizungsersatz bereit. 


Was bedeutet die Norm SIA 390/1 für Bauherren? 

Die Norm SIA 390/1 Klimapfad (publiziert 1. Februar 2025) verlangt eine Treibhausgasbilanz über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Sie ersetzt das bisherige Merkblatt SIA 2040. Für Bauherren heisst das: CO2-Bilanzierung wird zum Pflichtteil im Vorprojekt. 


Was ist graue Energie im Bauwesen? 

Graue Energie umfasst alle Treibhausgasemissionen, die bei der Herstellung, dem Transport und dem Rückbau von Baumaterialien entstehen. Bei einem Neubau macht sie heute oft die Hälfte der Lebenszyklus-Emissionen aus. 


Ist sanieren klimafreundlicher als neu bauen? 

In den meisten Fällen ja. Ein Bestandsgebäude trägt seine grauen Emissionen bereits in sich. Wer abreisst und neu baut, beginnt klimatisch wieder bei null und produziert zusätzlichen Bauabfall. Eine sorgfältige Sanierung ist deshalb fast immer die nachhaltigere Wahl. 


Welche Baumaterialien sind besonders klimabelastend? 

Zement und Stahl sind die grössten CO2-Verursacher unter den Baustoffen. Die Zementproduktion macht rund 8 Prozent der globalen CO2-Emissionen aus, vor allem wegen des energieintensiven Brennens von Kalkstein zu Klinker. 


Fazit: Bauen heisst heute Verantwortung übernehmen 

Architektur im Anthropozän ist keine Stilrichtung. Sie ist eine Haltung. Wer heute baut, baut in eine Welt hinein, die weniger Spielraum hat als noch vor 30 Jahren. Jedes Kilogramm Beton, jeder Kubikmeter Aushub, jede importierte Aluminiumplatte ist eine Entscheidung. Die Schweiz hat mit dem KIG und der SIA 390/1 zwei starke Werkzeuge erhalten. Jetzt liegt es an uns Architekten, Bauherren und Handwerkern, sie konsequent zu nutzen. 


Ich glaube nicht an das grosse Versprechen einer techno-optimistischen Zukunft. Ich glaube an kleine, kluge Entscheidungen, die sich summieren. Holz statt Beton, wenn möglich. Bestand vor Neubau, wenn vertretbar. Lokale Lieferketten, kurze Wege, ehrliche Materialien. Und vor allem: ein Plan, der weiss, was er anrichtet, bevor der erste Spatenstich gesetzt ist. 


Über den Autor 

Daniel Dalla Corte ist Architekt und Gründer der Dalla Corte Architects GmbH in Ermatingen am Bodensee. Das Büro ist seit 2006 auf nachhaltige Bauplanung, Renovierungen und moderne Architektur für Wohn- und Gewerbebauten in der Ostschweiz spezialisiert. Schwerpunkte: Holzbau, Minergie-Bauweise, Sanierung im Bestand.