Folge 11: Verdichten wollen. Aber bitte nicht neben mir.

Daniel Dalla Corte • 15. Mai 2026

Warum Veränderung in der Theorie oft beliebter ist als vor dem eigenen Küchenfenster.


Wir alle sind für vernünftige Entwicklung.
Für nachhaltiges Bauen. Für Wohnraum. Für durchmischte Dörfer.
Zumindest solange die Veränderung auf einem anderen Grundstück stattfindet.


Denn kaum taucht irgendwo ein Baugespann auf, verändert sich die Stimmung erstaunlich schnell.


Plötzlich geht es um das Ortsbild.
Um Schattenwurf.
Um zusätzliche Autos.
Um verlorene Aussicht.
Um „zu viel Volumen“.
Und natürlich um die berühmte Frage: „
Muss das wirklich sein?“


Interessanterweise lautet die Antwort meistens:
Ja. Aber bitte nicht hier.


Dabei ist die Ausgangslage eigentlich klar.
Wir brauchen Wohnraum.
Auch in Ermatingen, Salenstein, Triboltingen oder Fruthwilen.
Junge Familien suchen Wohnungen. Ältere Menschen möchten kleiner wohnen, ohne das Dorf verlassen zu müssen. Grundstücke werden knapper. Bauzonen wachsen kaum noch.


Also sprechen wir über Verdichtung.
Politisch. Planerisch. Gesellschaftlich.


Doch Verdichtung klingt wunderbar, solange sie abstrakt bleibt.
Wie ein gutes Konzeptpapier.
Erst wenn nebenan plötzlich ein zusätzliches Geschoss geplant wird oder ein ehemaliger Garten einem Mehrfamilienhaus weicht, wird aus Theorie Realität.


Und Realität ist emotional.


Ich verstehe das sogar.
Ein Dorf ist mehr als eine Ansammlung von Gebäuden.
Es ist Erinnerung. Gewohnheit. Identität.
Wer jahrzehntelang auf einen Obstgarten geschaut hat, empfindet einen Neubau nicht einfach als Architektur, sondern als Veränderung des eigenen Lebensgefühls.


Das Problem beginnt dort, wo jede Veränderung automatisch als Verlust betrachtet wird.


Denn dann entsteht Stillstand.
Und Stillstand sieht am Anfang oft idyllisch aus.
Bis irgendwann keine jungen Familien mehr Wohnraum finden.
Bis Häuser überaltern.
Bis sich ein Dorf zwar äusserlich kaum verändert hat, innerlich aber langsam erstarrt.


Verdichtung bedeutet nicht automatisch Beliebigkeit.
Und ein Neubau ist nicht automatisch ein Angriff aufs Ortsbild.


Die entscheidende Frage lautet nicht:
Ob wir uns verändern.


Sondern:
Wie.


Gut gemachte Verdichtung kann ein Dorf stärken.
Schlecht gemachte allerdings auch beschädigen.
Deshalb braucht es Qualität. Haltung. Gespräch.
Und manchmal die Ehrlichkeit, eigene Widersprüche auszuhalten.


Denn wir alle möchten, dass unsere Dörfer lebendig bleiben.
Aber lebendig bedeutet eben auch: nicht konserviert.


Vielleicht beginnt die eigentliche Diskussion genau dort:
Nicht beim Bauprojekt.
Sondern bei der Frage, welche Veränderung wir für uns selbst akzeptieren würden.


Hand aufs Herz: Wann fanden Sie Verdichtung zuletzt gut, wenn sie direkt neben Ihrem Haus stattgefunden hat?
Ich freue mich auf Ihre Gedanken im Kommentarbereich.


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Daniel Dalla Corte
Dalla Corte Architects