Wozu brauchen wir noch ein Zuhause?

Daniel Dalla Corte • 21. August 2026

Wenn wir überall sein können und doch irgendwo hingehören möchten.


Wir können heute erstaunlich viel von überall.


Arbeiten. Einkaufen. Bankgeschäfte erledigen. Filme schauen. Freunde sehen, zumindest auf dem Bildschirm. Selbst ein Arztbesuch braucht nicht mehr zwingend ein Wartezimmer.


Der Ort verliert an Bedeutung.


Könnte man meinen.


Denn gleichzeitig reden wir auffallend oft vom Ankommen. Von Heimat. Von Rückzug. Von einem Ort, an dem wir uns zu Hause fühlen.


Vielleicht ist das kein Widerspruch, sondern eine der Eigenheiten unserer Zeit.


Unser Leben ist beweglicher geworden. Arbeitsorte wechseln, Familien verteilen sich über Städte und Länder, Beziehungen verändern sich. Wir reisen mehr, kommunizieren über Distanzen und tragen einen beträchtlichen Teil unseres Alltags in der Hosentasche mit uns herum.


Vieles, was früher an einen Ort gebunden war, ist heute überall möglich.


Was bedeutet das für Architektur?


Lange Zeit war eine Wohnung ein ziemlich eindeutig geordnetes Gefüge. Hier wurde gekocht, dort gegessen, dort geschlafen. Gearbeitet wurde anderswo. Gemeinschaft hatte ihre Orte. Rückzug ebenfalls.


Diese Grenzen verschwimmen.


Der Esstisch wird zum Arbeitsplatz. Das Gästezimmer zum Büro und später vielleicht zum Kinderzimmer. Die Küche ist längst nicht mehr nur Küche. Und manchmal findet die wichtigste Unterhaltung des Tages auf dem Sofa mit jemandem statt, der tausend Kilometer entfernt sitzt.


Die naheliegende architektonische Antwort darauf lautet Flexibilität.


Grundrisse sollen anpassungsfähig sein. Räume möglichst vieles können. Gebäude auf Veränderungen reagieren.


Das ist richtig.


Aber reicht es?


Denn eine Gesellschaft, die immer unabhängiger vom Ort wird, verliert damit nicht automatisch ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit.


Vielleicht wird sie sogar grösser.


Zugehörigkeit entsteht nämlich nicht dadurch, dass ein Raum alles kann. Sie entsteht dort, wo wir beginnen, uns einen Ort anzueignen.


Am Fenster, an dem morgens die Sonne hereinkommt. Am Tisch, um den sich immer wieder dieselben Menschen versammeln. An der Stelle im Flur, an der die Schuhe herumstehen, obwohl dafür längst eine bessere Lösung geplant war.


Architekten zeichnen solche Dinge nicht.


Zum Glück.


Wir können aber Räume schaffen, in denen sie entstehen dürfen.


Und vielleicht liegt genau darin eine Aufgabe der Architektur unserer Zeit.


Sie muss beweglicher werden, ohne beliebig zu werden. Sie muss Veränderung zulassen und dennoch Identität schaffen. Sie muss auf ein Leben reagieren, das weniger vorhersehbar geworden ist, ohne deshalb selbst jede Festigkeit aufzugeben.


Eine solche Architektur müsste nicht entscheiden zwischen Flexibilität und Beständigkeit.


Sie müsste beides können.


Denn je mehr unser Leben überall stattfinden kann, desto wichtiger könnten jene Orte werden, die nicht überall sein können.


Vielleicht brauchen wir deshalb ein Zuhause heute nicht weniger als früher.


Sondern mehr.


Nicht weil es uns festhält.


Sondern weil es uns erlaubt, irgendwo hinzugehören.


Was macht für Sie aus einem Raum ein Zuhause?


Ich freue mich auf Ihre Gedanken im Kommentarbereich.


Daniel Dalla Corte

Dalla Corte Architects




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