Wie viel ist eigentlich genug?
Über Möglichkeiten, Wohlstand und das richtige Mass.
«Genug» ist ein merkwürdiges Wort.
Es klingt ein wenig nach Verzicht. Nach Bescheidenheit. Vielleicht sogar danach, sich mit weniger zufriedenzugeben, als eigentlich möglich wäre.
«Mehr» klingt deutlich besser.
Mehr verspricht Entwicklung. Freiheit. Wohlstand. Möglichkeiten.
Und tatsächlich verdanken wir diesem Mehr sehr viel. Wir können individueller leben, freier entscheiden und aus Möglichkeiten wählen, die früheren Generationen nicht zur Verfügung standen.
Auch unsere Häuser erzählen davon.
Sie sind komfortabler geworden, technisch ausgefeilter und individueller. Wir können grössere Spannweiten bauen, mehr Glas einsetzen, Räume klimatisieren, automatisieren und beinahe jeden Wunsch technisch lösen.
Vieles ist möglich geworden.
Vielleicht ist genau das eines der Merkmale unserer Zeit.
Doch was geschieht, wenn die Möglichkeiten immer grösser werden?
Wird dann nicht die Entscheidung wichtiger als die Möglichkeit selbst?
Wo wenig möglich ist, entsteht Begrenzung von selbst.
Wo vieles möglich ist, stellt sich eine andere Frage:
Was davon wollen wir eigentlich?
Diese Frage betrifft nicht nur den Einzelnen. Denn was wir bauen, verändert auch das, was uns gemeinsam umgibt. Ein Haus steht nicht für sich allein. Es wird Teil einer Strasse, eines Dorfes, einer Landschaft. Es nimmt Raum ein, schafft neuen Raum und verändert den bestehenden.
Architektur ist deshalb mehr als die Antwort auf die Wünsche dessen, der gerade baut.
Sie wird Teil unserer gebauten Kultur.
Und vielleicht beginnt genau hier die Frage nach der Architektur unserer Zeit.
Soll sie möglichst viel von dem abbilden, was technisch und wirtschaftlich möglich geworden ist?
Oder könnte ihre Aufgabe gerade darin liegen, aus all diesen Möglichkeiten jene zu finden, die unserem Leben und Zusammenleben eine angemessene räumliche Form geben?
Das wäre etwas anderes als Verzicht.
Es wäre eine Frage der Haltung.
Und plötzlich bekommt auch das richtige Mass eine andere Bedeutung.
Ein kleines Haus kann zu klein sein. Ein grosses genau richtig. Ein weiter Raum wunderbar und ein enger ebenso.
Entscheidend ist nicht die Zahl.
Entscheidend ist das Verhältnis.
Zwischen Raum und Leben. Zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Zwischen Haus und Ort. Zwischen dem, was möglich ist, und dem, was sinnvoll erscheint.
Vielleicht ist «genug» deshalb gar kein bescheidenes Wort.
Vielleicht ist es ein anspruchsvolles.
Denn wenn vieles möglich geworden ist, stellt sich irgendwann nicht mehr nur die Frage, was noch alles geht.
Sondern was davon wirklich gut ist.
Vielleicht könnte darin eine Aufgabe für die Architektur unserer Zeit liegen.
Nicht möglichst viel.
Nicht möglichst wenig.
Sondern das richtige Mass.
Daniel Dalla Corte
Dalla Corte Architects
Weitere Beiträge dieser Serie finden Sie unter:
www.dallacorte.ch/egm

