Was ist gute Architektur? Eine Suche nach zeitlosen Kriterien
Was ist gute Architektur?
Gute Architektur Kriterien beschreiben die Merkmale, die ein Bauwerk dauerhaft wertvoll machen – von der Stabilität über die Funktionalität bis zur ästhetischen Wirkung. Der römische Architekt Vitruv formulierte bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. drei Grundprinzipien: Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit). Diese zeitlosen Kriterien bilden bis heute die Basis jeder Architekturbewertung und werden durch moderne Aspekte wie Nachhaltigkeit ergänzt.
Die Frage nach guter Architektur beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden. Am 9. Dezember 2025 ist sie aktueller denn je: Klimawandel, steigende Baukosten und veränderte Lebensweisen fordern neue Antworten. Doch bei aller Innovation zeigt sich: Bestimmte Kriterien haben sich bewährt – sie verbinden das Beste aus Vergangenheit und Gegenwart.
In diesem Artikel erfahren Sie, welche Merkmale wirklich gute Architektur ausmachen. Wir betrachten die klassischen Prinzipien nach Vitruv, ergänzen sie um moderne Anforderungen und zeigen, wie diese Kriterien in der Praxis angewendet werden.
Die drei klassischen Säulen nach Vitruv
Marcus Vitruvius Pollio, kurz Vitruv, lebte im 1. Jahrhundert vor Christus und verfasste mit seinen „Zehn Büchern über Architektur" das einzige erhaltene Architekturwerk der Antike. Seine drei Hauptanforderungen an Bauwerke gelten noch heute als Fundament der Architekturtheorie.
Firmitas – Die Festigkeit
Ein gutes Gebäude muss zunächst stabil und dauerhaft sein. Firmitas beschreibt die konstruktive Qualität eines Bauwerks. Dazu gehören die Tragfähigkeit der Struktur, die Materialqualität und die Widerstandsfähigkeit gegen Witterung und Zeit. Ein Bauwerk, das nach wenigen Jahren Risse zeigt oder gar einsturzgefährdet ist, kann niemals als gute Architektur gelten – unabhängig davon, wie schön es aussieht.
Moderne Architekten berücksichtigen bei der Festigkeit auch Aspekte wie Erdbebensicherheit, Brandschutz und die Langlebigkeit der verwendeten Materialien. Die Geschichte der Architektur zeigt eindrucksvoll, wie sich Konstruktionstechniken über die Jahrhunderte entwickelt haben.
Utilitas – Die Nützlichkeit
Das zweite Kriterium betrifft die Funktionalität. Ein Gebäude muss seinen Zweck erfüllen und den Bedürfnissen seiner Nutzer entsprechen. Ein Wohnhaus soll Geborgenheit bieten, ein Bürogebäude produktives Arbeiten ermöglichen, eine Schule das Lernen fördern.
Utilitas umfasst dabei weit mehr als nur die Grundfunktion. Dazu zählen auch die Raumaufteilung und Grundrissgestaltung, die Belichtung und Belüftung, die Barrierefreiheit und Zugänglichkeit sowie die Flexibilität für verschiedene Nutzungen. Die besten Architekten schaffen Räume, die ihre Nutzer ernst nehmen – weil sie wissen, dass sich Menschen ihnen anvertrauen.
Venustas – Die Schönheit
Das dritte Kriterium ist die ästhetische Qualität. Gute Architektur muss nicht nur funktionieren, sondern auch ansprechen, berühren und im besten Fall begeistern. Schönheit in der Architektur entsteht durch Proportionen und Harmonie, durch die Wahl von Materialien und Oberflächen, durch die Einbindung in die Umgebung und durch die Atmosphäre der Räume.
Interessant ist, dass Vitruv alle drei Kriterien als gleichwertig betrachtete. Keines darf die anderen dominieren. Ein Bauwerk erfüllt den Anspruch an gute Architektur nur dann, wenn es Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit gleichermassen vereint.
Das vierte Kriterium: Nachhaltigkeit
Der klassische Dreiklang nach Vitruv wird heute um eine weitere Dimension ergänzt: die Nachhaltigkeit. Angesichts des Klimawandels und der Ressourcenknappheit ist ökologische Verantwortung zu einem unverzichtbaren Kriterium geworden.
Bauprojekte verursachen etwa 40 Prozent der globalen CO₂-Emissionen und verbrauchen die Hälfte des europäischen Materialaufkommens. Nachhaltigkeit in der Architektur bedeutet daher, den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu betrachten – von der Planung über die Nutzung bis zum Rückbau.
Konkret umfasst nachhaltige Architektur die Energieeffizienz und Nutzung erneuerbarer Energien, die Verwendung ökologischer und regionaler Baustoffe, die Kreislaufwirtschaft und Recyclingfähigkeit sowie die Integration in das lokale Ökosystem. In Deutschland haben sich verschiedene Zertifizierungssysteme etabliert: Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) vergibt Zertifikate, international sind LEED und BREEAM anerkannte Standards.

Die emotionale Qualität von Architektur
Neben den messbaren Kriterien gibt es eine weitere Dimension guter Architektur: die emotionale Wirkung. Manche Gebäude erschrecken auf den ersten Blick, andere vermitteln sofort ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.
Der Architekturkritiker Nils Aschenbeck nennt diese Dimension „emotionale Qualität". Sie entsteht durch Licht und Schatten, durch Materialität und Haptik, durch Geräusche und Gerüche eines Raumes. Die Atmosphäre eines Gebäudes lässt sich schwer in Zahlen fassen – doch sie entscheidet darüber, ob Menschen sich dort wohlfühlen.
Architekten wie Alvar Aalto haben sich intensiv mit dieser Dimension beschäftigt. Während Le Corbusier von Häusern als „Maschinen zum Wohnen" sprach, interessierten Aalto die handwerklichen Details, die den menschlichen Alltag bestimmen – Türgriffe, Beschläge, Oberflächen. Die Verbindung von Funktion und Ästhetik zeigt sich besonders in solchen Details.
Der Kontext: Architektur im Dialog mit der Umgebung
Ein Haus steht selten allein auf weitem Feld. Es ist eingebunden in einen Kontext – ob dörflich oder urban, historisch oder modern. Gute Architektur respektiert diesen Kontext und tritt mit ihm in Dialog.
Das bedeutet nicht, dass jedes Gebäude sich anpassen muss. Auch ein bewusster Kontrast kann Qualität haben – wenn er durchdacht ist. Entscheidend ist, dass Architekten ihre Umgebung wahrnehmen und darauf reagieren, sei es durch Massstab und Proportion, durch Materialwahl und Farbgebung, durch Dachform und Fassadengestaltung oder durch die Gestaltung des Übergangs zwischen öffentlichem und privatem Raum.
Gibt es absolute Kriterien für gute Architektur?
Der Architekturkritiker Jürgen Tietz vertritt die These, dass es keine Liste absoluter Kriterien geben kann, die gute Architektur erfüllen muss. Stattdessen plädiert er für eine Kultur des qualitätsbewussten Umgangs mit Bauwerken – eine Baukulturdebatte, die schon für das Qualitätsbewusstsein förderlich ist.
Tatsächlich ist die Einschätzung von Architektur oft individuell unterschiedlich. Was dem einen gefällt, stösst beim anderen auf Ablehnung. Doch jenseits des persönlichen Geschmacks gibt es einen fachlichen Diskurs darüber, was gute Architektur ausmacht. Dieser Diskurs bezieht sich auf handwerkliche Qualität und Detailsorgfalt, auf konzeptionelle Klarheit und Konsequenz, auf den respektvollen Umgang mit Nutzern und Umgebung sowie auf Innovation und Zeitgemässheit.
Zehn Kriterien für die Praxis
Basierend auf den klassischen Prinzipien und modernen Anforderungen lassen sich folgende Kriterien für gute Architektur zusammenfassen:
- Konstruktive Solidität – Das Gebäude ist gut gebaut und stabil
- Funktionale Eignung – Es erfüllt seinen Zweck optimal
- Ästhetische Qualität – Es ist gestalterisch durchdacht
- Emotionale Wirkung – Es schafft eine angenehme Atmosphäre
- Kontextbezug – Es reagiert auf seine Umgebung
- Nachhaltigkeit – Es schont Ressourcen und Umwelt
- Flexibilität – Es lässt sich an veränderte Nutzungen anpassen
- Langlebigkeit – Es ist auf Dauer angelegt
- Wirtschaftlichkeit – Es steht in vernünftigem Verhältnis zum Aufwand
- Innovation – Es bringt neue Lösungen oder Perspektiven ein
Diese Kriterien müssen nicht alle gleichzeitig erfüllt sein. Je nach Bauaufgabe und Kontext können unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Doch je mehr dieser Aspekte ein Bauwerk vereint, desto wahrscheinlicher handelt es sich um gute Architektur.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was macht gute Architektur aus?
Gute Architektur vereint die drei klassischen Kriterien nach Vitruv – Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit – mit modernen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Nutzerfreundlichkeit. Sie schafft Räume, die funktionieren, beständig sind und emotional ansprechen.
Was bedeutet Firmitas, Utilitas, Venustas?
Dies sind die drei Grundprinzipien der Architektur nach Vitruv aus dem 1. Jahrhundert v. Chr.: Firmitas steht für Festigkeit und konstruktive Stabilität, Utilitas für Nützlichkeit und Funktionalität, Venustas für Schönheit und ästhetische Qualität. Alle drei Aspekte sollen gleichwertig berücksichtigt werden.
Wie erkennt man gute Bauqualität?
Gute Bauqualität zeigt sich in sauberen Anschlüssen und Details, in der Passgenauigkeit von Bauteilen, in der Qualität der Materialien und in der handwerklichen Sorgfalt der Ausführung. Langfristig erkennt man sie daran, dass ein Gebäude gut altert und wenig Mängel aufweist.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der modernen Architektur?
Nachhaltigkeit ist heute ein unverzichtbares Kriterium guter Architektur. Sie umfasst Energieeffizienz, ökologische Materialwahl, Kreislaufwirtschaft und die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Zertifizierungen wie DGNB, LEED oder BREEAM bewerten die Nachhaltigkeitsqualität von Bauwerken.
Wer war Vitruv und warum sind seine Prinzipien noch heute relevant?
Marcus Vitruvius Pollio war ein römischer Architekt und Ingenieur, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte. Seine „Zehn Bücher über Architektur" sind das einzige erhaltene Architekturwerk der Antike. Die darin formulierten Prinzipien haben sich über 2000 Jahre bewährt, weil sie grundlegende menschliche Bedürfnisse an gebaute Umwelt beschreiben.
Kann Architektur objektiv bewertet werden?
Eine vollständig objektive Bewertung ist schwierig, da ästhetische Urteile immer auch subjektiv geprägt sind. Allerdings gibt es fachliche Kriterien und einen professionellen Diskurs, der über rein persönlichen Geschmack hinausgeht. Aspekte wie Konstruktionsqualität, Funktionalität oder Nachhaltigkeit lassen sich durchaus objektiv beurteilen.
Fazit: Gute Architektur ist mehr als Geschmackssache
Gute Architektur Kriterien haben sich über Jahrtausende bewährt und weiterentwickelt. Was Vitruv vor über 2000 Jahren formulierte, gilt im Kern noch heute: Ein Bauwerk muss stabil, nützlich und schön sein. Hinzu kommen moderne Anforderungen an Nachhaltigkeit, Flexibilität und emotionale Qualität.
Die Suche nach zeitlosen Kriterien zeigt: Gute Architektur ist keine Frage des Stils oder der Mode. Sie entsteht, wenn Architekten ihre Verantwortung ernst nehmen – gegenüber den Nutzern, der Umgebung und der Zukunft. Und je mehr wir über gute Architektur sprechen und nachdenken, desto wahrscheinlicher wird es, dass auch künftig hochwertige Bauwerke entstehen.

