Licht und Schatten

Daniel Dalla Corte • 7. April 2026

Licht und Schatten: Die vierte Dimension des Raumes

Lesezeit: ca. 8 Minuten | Stand: April 2026 | Von Daniel Dalla Corte


  •  Licht und Schatten sind in der Architektur keine Dekoration. Sie sind die vierte Dimension des Raumes: Sie verändern Proportionen, steuern Wahrnehmung und bestimmen, wie ein Gebäude lebt. Kein Material, kein Grundriss und keine Fassade entfaltet seine Wirkung ohne das Zusammenspiel von Hell und Dunkel. Von Architekt Daniel Dalla Corte, Ermatingen, Kanton Thurgau.

 

Das Wichtigste in Kürze

•        Licht gilt in der Architektur als das "achte Material" neben Stein, Holz, Glas und Beton.

•        Le Corbusier (1887-1965) definierte Architektur als das Spiel der Baukörper unter dem Licht.

•        Schatten sind nicht die Abwesenheit von Licht. Sie sind sein Gegenstück mit eigenem Gestaltungswert.

•        Tageslicht verändert sich im Verlauf des Tages und der Jahreszeiten, weshalb Lichtplanung immer Zeitplanung ist.

•        In der Schweiz regelt die SIA-Norm 380/1 energetische Aspekte der Tageslichtnutzung in Gebäuden.

•        Zenithlicht, Seitenlicht und indirektes Licht erzeugen grundlegend verschiedene Raumwirkungen.

•        Peter Zumthors Therme Vals (Graubünden, 1996) gilt als Referenzbeispiel für konsequente Lichtarchitektur in der Schweiz.



Wer einen Raum entwirft, entwirft zugleich, wie er das Licht aufnimmt. Diese Erkenntnis begleitet mich seit dem ersten Tag meiner Arbeit als Architekt in Ermatingen am Bodensee. Sie klingt einfach, ihre Konsequenzen aber sind weit. Licht ist kein Accessoire. Es ist das Medium, durch das Architektur erst wahrnehmbar wird.

Die folgende Betrachtung richtet sich an Sie als Bauherrin oder Bauherr, als Planerin oder Planer: an alle, die begreifen wollen, warum Lichtplanung kein Dekorationsposten am Ende des Projekts ist, sondern Entwurfsaufgabe von Anfang an.


Was bedeutet Licht als vierte Dimension des Raumes?

Die drei klassischen Dimensionen eines Raumes sind Länge, Breite und Höhe. Sie lassen sich im Grundriss und Schnitt festhalten, in Millimetern messen, in Modellen nachbauen. Die vierte Dimension ist das Licht.

Le Corbusier formulierte es 1923 in seinem Werk "Vers une architecture": Architektur sei das kunstvolle, korrekte und grossartige Spiel der Baukörper unter dem Licht. Unsere Augen seien dafür geschaffen, Formen im Licht zu sehen. Licht und Schatten enthüllen die Formen. Nicht Grundrisse. Nicht Materialpaletten. Das Licht.

Ich tue mich schwer mit dem Satz, Licht sei das achte Material der Architektur, weil diese Formulierung Licht als etwas Hinzugefügtes behandelt. Licht ist das Erste. Alles andere reagiert darauf.


Warum Schatten keine Fehler sind, sondern Gestaltungsmittel

In Beratungsgesprächen höre ich oft den Wunsch nach mehr Licht. Mehr Fenster, grössere Öffnungen, hellere Oberflächen. Der Wunsch ist verständlich. Aber er birgt ein Missverständnis.

Gleichförmige Ausleuchtung tötet den Raum. Ohne Schatten gibt es keine Tiefe, keine Plastizität, keine Hierarchie. Nur Flachheit. Ein Raum, der überall gleich hell ist, wird als monoton, bisweilen als unwirklich empfunden.

Schatten schaffen Tiefe und Dimension. Sie markieren Grenzen, betonen Texturen, leiten den Blick. Ein gezielt geworfener Schatten kann eine Decke höher erscheinen lassen, einen Korridor weiten, ein Detail lesbar machen, das im flachen Licht unsichtbar bleibt.


In der islamischen Architektur wurden geometrische Muster aus Mashrabiyya-Gitterwerk seit Jahrhunderten so eingesetzt, dass das hindurchfallende Tageslicht komplexe Schattenteppiche auf Böden und Wände zeichnete. Das war keine Ornamentik. Es war Raumgestaltung mit Licht als Werkzeug.

In Beratungsgesprächen höre ich oft den Wunsch nach mehr Licht.

Zenithlicht, Seitenlicht, indirektes Licht: Welcher Lichttyp wirkt wie?

Nicht jede Lichtquelle hat die gleiche Wirkung. Die Richtung, aus der Licht in einen Raum fällt, verändert seine Aussage grundlegend.


Zenithlicht (Oberlicht): Licht von oben erzeugt Stille. Es fällt gleichmässig, es hat keine Schattenwurfrichtung, es beruhigt. Peter Zumthor nutzte dieses Prinzip in der Therme Vals (1996, Kanton Graubünden) auf konsequente Weise: Schmale Lichtschlitze im Dach lassen Tageslicht in den Stein fallen und schaffen eine Intimität, die man in einem Badebau nicht erwartet.


Seitenlicht (Fenster): Licht von der Seite dramatisiert. Es betont Oberflächen, zeichnet Kanten scharf und erzeugt die stärksten Schattenverläufe. Tadao Andos Kirche des Lichts in Ibaraki bei Osaka (1989) lebt von einem einzigen, kreuzförmig geschnittenen Schlitz in der Betonwand hinter dem Altar. Das einfallende Seitenlicht ist alles. Es macht Beton zum Sakralen.


Indirektes Licht: Licht, das reflektiert und gestreut wird, bevor es einen Raum erreicht, schafft weiche Atmosphären ohne harte Kanten. Es eignet sich für Wohnräume, für Schlafzimmer, für Bereiche, in denen Entspannung im Vordergrund steht.


Zenithlicht (Oberlicht): Gleichmässige, ruhige Tiefe. Beispiel: Therme Vals, Peter Zumthor (1996).

Seitenlicht (Fenster): Gerichtete Dramatik, Schattenwurf. Beispiel: Kirche des Lichts, Tadao Ando (1989).

Oculus / Punktlicht: Sakrale Konzentration. Beispiel: Pantheon Rom (125 n. Chr.).

Indirektes Licht: Weiche, homogene Atmosphäre. Beispiel: Wohnbauten und Sanierungen im Kanton Thurgau.


Quelle: eigene Zusammenstellung Daniel Dalla Corte, mit Verweis auf Peter Zumthor: Thinking Architecture, Birkhäuser 1998.


Wie verändert sich Licht im Verlauf von Tageszeit und Jahreszeit?

Licht ist nie stationär. Es ist die unruhigste Komponente eines Gebäudes. Die Sonne steigt, sinkt, wandert von Ost nach West, von Sommer zu Winter. Ein Fenster, das im Juni um neun Uhr morgens Licht in eine bestimmte Ecke wirft, tut dasselbe im Dezember nicht.

Für unsere Projekte am Bodensee und im Kanton Thurgau bedeutet das: Wir simulieren den Sonnenverlauf bereits in der Planungsphase. Ein nach Süden ausgerichtetes Wohnzimmer hat im Winter kurze Tage und tiefstehende Sonne, die weit in den Raum einzieht. Dieselbe Konfiguration im Sommer produziert Überhitzung, wenn kein Sonnenschutz eingeplant wurde.


Die SIA-Norm 380/1 (Thermische Energie im Hochbau) berücksichtigt Tageslicht als energetischen Faktor. Solargewinne durch Fenster können Heizenergie einsparen. Unkontrollierter Solargewinn im Sommer aber erhöht den Kühlbedarf. Licht und Energie, das ist in der Schweiz keine Frage des Komforts allein. Es ist Pflicht.


Licht am Bodensee: Was regionale Bedingungen mit Architektur machen

Wer am Bodensee baut oder renoviert, arbeitet mit einem spezifischen Licht. Die Wasseroberfläche reflektiert. Die Nebel der Herbst- und Wintermonate diffundieren das Licht zu einem gleichmässigen, weichen Grau. Und im Sommer, wenn der Föhn die Luft klärt, hat das Licht eine Schärfe, die Farben und Kanten verfremdet.

Diese Lichtverhältnisse verlangen nach regionaler Entwurfsantwort. Grosse Verglasungen mit Südausrichtung, die in einem anderen Klima funktionieren, können hier zu heissen Sommern führen. Kleine Nordfenster, die in nördlicheren Regionen problematisch sind, liefern am Bodensee angenehmes, gleichmässiges Arbeitslicht.


Mein Büro in Ermatingen plant keine Lösungen von der Stange. Jede Fassadenöffnung wird in Bezug auf die Himmelsrichtung, die Nutzung dahinter und die topografische Situation geprüft.


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Dalla Corte Architects begleitet Sie vom ersten Gedanken bis zur Schlüsselübergabe. Licht ist dabei kein Dekorationsposten, sondern Teil des Entwurfskonzepts. Kontakt aufnehmen


Wie verändert sich Licht im Verlauf von Tageszeit und Jahreszeit?

Häufige Fragen zu Licht und Architektur

Was ist der Unterschied zwischen Lichtplanung und Beleuchtungsplanung?

Lichtplanung beginnt mit dem Entwurf. Sie legt fest, wie natürliches Tageslicht in einen Raum gelangt: durch Fenster, Oberlichter, Lichtschlitze, reflektierende Oberflächen. Beleuchtungsplanung ergänzt das Tageslicht durch künstliche Lichtquellen. Beide Disziplinen gehören zusammen, aber ihre Reihenfolge ist klar: Das Natürliche zuerst.


Wie viel Fensterfläche braucht ein Wohnraum in der Schweiz?

Die kantonalen Baugesetze und die SIA-Norm 380/1 definieren Mindestanforderungen für Tageslicht in Aufenthaltsräumen. Als Richtwert gilt eine Fensterfläche von mindestens 10 Prozent der Bodenfläche, wobei dies je nach Kanton und Nutzungszone variiert. Für eine rechtsverbindliche Auskunft empfehle ich Ihnen, das zuständige Amt für Raumplanung des Kantons Thurgau beizuziehen.


Kann Licht Räume grösser wirken lassen?

Ja. Gezielt eingesetztes Licht kann Proportionen verschieben, ohne dass ein einziger Stein versetzt wird. Wandfluter lassen Decken höher erscheinen. Licht auf dem Boden weitet einen schlauchartigen Korridor optisch. Reflektierende Oberflächen holen den Aussenraum nach innen. Das sind keine Tricks. Das ist Raumgestaltung.


Was ist beim Umbau eines Altbaus in Bezug auf Licht zu beachten?

Altbauten haben oft kleine Fenster, die aus historischen Gründen oder aufgrund früherer Wärmeschutzüberlegungen entstanden. Bei Sanierungen im Kanton Thurgau prüfe ich grundsätzlich, ob Fensteröffnungen vergrössert oder neu gesetzt werden können. Das berührt statische Fragen ebenso wie das kantonale Ortsbild- und Denkmalschutzrecht. Es braucht eine ganzheitliche Einschätzung vor Ort.


Welche Rolle spielt Licht für das Wohlbefinden der Bewohnenden?

Forschungen zur Lichtpsychologie zeigen, dass Tageslicht den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert, die Stimmung beeinflusst und die Konzentrationsfähigkeit fördert. Dauerhafter Aufenthalt in gleichmässig und künstlich ausgeleuchteten Räumen ohne natürliches Licht hat nachgewiesene negative Auswirkungen auf den Organismus. Gutes Licht ist keine Frage des Geschmacks. Es ist eine Frage der Gesundheit.


Fazit: Licht ist kein Dekorationsposten

Licht und Schatten sind die vierte Dimension des Raumes. Nicht weil das ein schöner Satz ist, sondern weil er stimmt.

Jeder Raum, den ich plane, beginnt mit der Frage: Wie steht die Sonne? Woher kommt das Licht? Was werfen Wände, Decken, Boden zurück? Und was bleibt im Schatten? Erst wenn ich diese Fragen beantwortet habe, entscheide ich über Grundriss, Öffnungen und Materialität.

Wenn Sie ein Gebäude betreten und ohne bewussten Gedanken das Gefühl haben, es passt, dann ist das sehr oft die Wirkung von gut geplantem Licht. Gutes Licht fällt nicht auf. Es ist einfach da.



Über den Autor

Daniel Dalla Corte ist Architekt und Gründer der Dalla Corte Architects GmbH in Ermatingen am Bodensee. Das Büro ist seit 2006 auf Bauplanung, Renovierungen und Architektur für Wohn- und Gewerbebauten in der Ostschweiz spezialisiert.

Web: www.dallacorte.ch