Kann man Heimat bauen?
Über Orte, Zugehörigkeit und das Leben dazwischen.
Im Film «Vaterland» kehrt Thomas Mann 1949 nach Deutschland zurück.
Sechzehn Jahre zuvor hatte er das Land verlassen. Nun fährt er mit seiner Tochter Erika durch ein Deutschland, das ihm vertraut sein müsste und doch fremd geworden ist.
Irgendwann sagt Erika zu ihrem Vater:
«Ich will nach Hause, Papa.»
Thomas Mann hält kurz inne.
«Hm … Wo ist das?»
Mehr braucht es eigentlich nicht.
Denn was zunächst wie eine beiläufige Frage klingt, ist vielleicht eine der schwierigsten überhaupt.
Wo ist zu Hause?
Ist es der Ort, an dem wir geboren wurden? Dort, wo wir leben? Wo unsere Familie ist? Oder dort, wo etwas in uns das Gefühl hat, nicht erklären zu müssen, weshalb wir hier sind?
Thomas Mann hatte längst anderswo gelebt. In der Schweiz, später in den Vereinigten Staaten. Er hatte andere Häuser bewohnt, an anderen Schreibtischen geschrieben, andere Landschaften vor seinen Fenstern gesehen.
Und trotzdem blieb Deutschland Teil seiner Geschichte.
Vielleicht ist Heimat eben komplizierter als eine Adresse.
Sie besteht aus Erinnerungen, Menschen, Sprache, Gerüchen und Landschaften. Aus Bildern und Geschichten. Aus Dingen, die wir bewusst wahrnehmen und vermutlich noch viel mehr aus solchen, die wir erst vermissen, wenn sie nicht mehr da sind.
Und sie verändert sich mit uns.
Was eine Gesellschaft unter Heimat versteht, erzählt deshalb auch etwas über ihre Zeit. Darüber, wie Menschen leben, wie sie miteinander verbunden sind und welche Orte für sie Bedeutung bekommen.
Heute sind viele unserer Lebensläufe beweglicher geworden. Arbeit, Familie und Freundschaften verteilen sich über Städte, Länder und manchmal Kontinente. Man kann an einem Ort wohnen, an einem anderen arbeiten und sich einem dritten verbunden fühlen.
Vielleicht ist auch Heimat beweglicher geworden.
Und gleichzeitig scheint die Sehnsucht nach Zugehörigkeit keineswegs verschwunden zu sein.
Das macht Heimat für Architekten zu einem etwas schwierigen Thema.
Denn Häuser können wir bauen.
Heimat eher nicht.
Wir können einen Dorfplatz planen, aber nicht das Gespräch, das dort irgendwann stattfindet. Wir können eine Sitzbank setzen, aber niemanden dazu bringen, sich daraufzusetzen. Wir können Wege, Gärten, Hauseingänge und Plätze gestalten.
Was daraus entsteht, entscheidet das Leben.
Und doch sind diese Räume nicht bedeutungslos.
Zwischen unseren Häusern liegt ein grosser Teil dessen, was einen Ort ausmacht. Der Weg zum Bäcker. Der Baum an der Strasse. Eine Mauer, auf der Kinder sitzen. Ein Vorgarten, vor dem man stehen bleibt. Der Nachbar, den man eigentlich nur kurz grüssen wollte.
Keiner dieser Momente ist besonders spektakulär.
Vielleicht sind sie gerade deshalb wichtig.
Denn Zugehörigkeit entsteht selten mit einem grossen Ereignis. Sie wächst langsam. Durch Wiederholung. Durch Begegnungen. Durch Erinnerungen. Durch Menschen und Orte, die irgendwann selbstverständlich zu unserem Leben gehören.
Und irgendwann beginnt ein Ort, mehr zu sein als die Summe seiner Gebäude.
Er bekommt eine Geschichte.
Vielleicht sogar einen Charakter.
Das geschieht nicht allein durch Architektur. Literatur, Sprache, Bräuche, Erinnerungen, Landschaft und das Zusammenleben der Menschen gehören ebenso dazu. Sie prägen unsere Vorstellung davon, woher wir kommen und wohin wir gehören.
Aber auch Architektur wird Teil davon.
Ein Haus steht schliesslich nicht nur für sich selbst. Es verändert eine Strasse, einen Platz, ein Dorf. Es wird gesehen, benutzt, umgebaut, erinnert. Vielleicht wird es irgendwann sogar zu etwas, von dem Menschen sagen: Das gehört hierher.
Damit wird Architektur selbst zu einem Stück Kultur.
Und genau deshalb genügt es vielleicht nicht, Heimat einfach durch vertraute Formen darstellen zu wollen.
Ein Satteldach macht noch keine Heimat.
Ein alter Ziegel ebenso wenig.
Die Bilder einer vergangenen Zeit zu wiederholen, bedeutet noch nicht, ihrer Kultur nahezukommen. Vielleicht wäre es interessanter zu fragen, welche Lebenswirklichkeit unsere eigene Zeit hervorbringt und welche Räume daraus entstehen könnten.
Was bedeutet also Zugehörigkeit in einer Gesellschaft, die immer beweglicher wird?
Und was bedeutet das für die Architektur unserer Zeit?
Vielleicht liegt ihre Aufgabe nicht darin, Heimat zu bauen.
Sondern Räume zu schaffen, in denen Beziehungen entstehen können. Häuser, die Teil eines Ganzen werden, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Öffentliche Räume, in denen man sich aufhalten darf, ohne etwas kaufen zu müssen. Und jene unscheinbaren Orte dazwischen, die sich nur schwer in Quadratmetern bewerten lassen und für das Leben eines Ortes vielleicht gerade deshalb so wichtig sind.
Denn Architektur schafft nicht das Leben.
Aber sie gibt ihm Raum.
Und wenn sich Raum und Leben lange genug miteinander verbinden, entstehen Erinnerungen. Geschichten. Vertrautheit. Vielleicht irgendwann sogar das Gefühl, dazuzugehören.
Thomas Mann antwortet seiner Tochter auf den Wunsch, nach Hause zu gehen:
«Hm … Wo ist das?»
Vielleicht lässt sich diese Frage gar nicht endgültig beantworten.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Heimat kann man vermutlich nicht bauen.
Aber man kann Orte bauen, an denen sie entstehen kann.
Daniel Dalla Corte
Dalla Corte Architects
Weitere Beiträge dieser Serie finden Sie unter:
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