Redaktionelle Visualisierung: Architekturmodell aus Stein und Holz in ruhigem Licht.Redaktionelle Visualisierung

Architektur fürs Leben · Essay 21

Welche Architekturgeben wir weiter?

Über das Leben einer Zeit und die Räume, die daraus entstehen.

Daniel Dalla Corte4 Min. Lesezeit

Jede Generation baut in eine Welt hinein, die sie nicht selbst geschaffen hat. Sie findet Häuser, Städte und Landschaften vor. Aber auch Vorstellungen davon, wie man lebt, was man für selbstverständlich hält und was als erstrebenswert gilt.

Diese Welt ist ein Erbe. Sie ist zugleich der Ausgangspunkt für neue Entscheidungen.

Was bedeutet das für die Architektur unserer Zeit? Wie können wir verstehen, was frühere Generationen mit ihren Bauten ausgedrückt haben? Und wie finden wir eine eigene Antwort, die der Gegenwart gerecht wird und die Zukunft nicht schon festlegt?

An der Swiss Arc Award Night in Baden wurde in der Kategorie «Next Generation» Studio Foundations der ETH Zürich ausgezeichnet. Im ersten Studienjahr arbeiten dort mehrere Fachrichtungen zusammen. Die Auszeichnung lenkt den Blick auf eine Frage, die über die Ausbildung hinausreicht: Was geben wir der nächsten Generation mit, wenn wir Architektur entwerfen?

Vier Mitarbeitende von Dalla Corte Architects an der Swiss Arc Award Night in Baden.
Mitarbeitende von Dalla Corte Architects an der Swiss Arc Award Night 2026 in Baden.

Um diese Frage zu stellen, interessieren uns zwei Begriffe: Civiltà und Cultura. Wir verstehen Civiltà als das gewachsene Geflecht unserer Beziehungen, Erfahrungen und Formen des Zusammenlebens. Cultura zeigt sich darin, wie wir dieses Geflecht wahrnehmen, befragen und weiterentwickeln. Beide sind lebendig. Sie entstehen zwischen Menschen und verändern sich mit ihnen.

Architektur ist Teil dieser Bewegung. Sie gibt einer Zeit räumliche Gestalt und wirkt über diese Zeit hinaus. In einem Gebäude zeigen sich nicht nur die Möglichkeiten seiner Entstehung, sondern auch Vorstellungen von Nähe und Distanz, von Öffentlichkeit und Privatheit, von Zugehörigkeit und Abgrenzung.

Wer die Architektur vergangener Zeiten verstehen will, muss deshalb hinter ihre Erscheinung sehen. Welche Lebensverhältnisse brachten sie hervor? Welche Werte fanden darin Ausdruck? Und wem stand das, was als selbstverständlich galt, überhaupt offen?

Geschichte wird so weder zum Vorrat vertrauter Formen noch zu einer Abfolge überholter Lösungen. Sie wird zu einem Gespräch über die Bedingungen, unter denen Menschen ihre Welt gestaltet haben. Was früher eine überzeugende Antwort war, kann uns auch dort etwas lehren, wo wir heute anders entscheiden müssen.

Denn jede Zeit besitzt ihre eigenen Widersprüche. Unsere Gegenwart verbindet Menschen über grosse Entfernungen und lässt zugleich die Frage nach Zugehörigkeit offen. Sie eröffnet vielfältige Lebensentwürfe und ist doch von ungleichen Möglichkeiten geprägt. Sie verfügt über Wissen und technische Mittel, die den Umgang mit unserer Umwelt verändern, ohne uns die Entscheidung abzunehmen, wofür wir sie einsetzen wollen.

Eine Architektur unserer Zeit müsste sich diesen Verhältnissen stellen. Nicht indem sie sie einfach abbildet. Sondern indem sie fragt, welche Beziehungen sie stärken möchte und welche Formen des Zusammenlebens sie ermöglichen oder erschweren könnte.

Das hat Folgen für den Entwurf. Wie ein Haus sich zu seiner Umgebung öffnet oder abgrenzt, wie es Nähe und Rückzug ordnet und wem seine Räume zugänglich sind, sind auch kulturelle Entscheidungen. In ihnen liegt eine Vorstellung davon, wie der Einzelne und das Gemeinsame zueinander stehen.

Dabei gibt es keine einzige Lebenswirklichkeit, die für alle Menschen spricht. Eine Gesellschaft ist von unterschiedlichen Erfahrungen, Herkunftsgeschichten und Bedürfnissen geprägt. Ihre Civiltà lässt sich deshalb nicht als unveränderliches Bild festhalten. Sie bildet sich immer wieder neu, auch dort, wo vertraute Gewissheiten auf andere Perspektiven treffen.

Was bedeutet unter diesen Voraussetzungen «Next Generation»? Vielleicht mehr als die Menschen, die nach uns bauen werden. Gemeint sind auch jene, die in den von uns geschaffenen Räumen leben und ihre Bedeutung verändern. Sie werden Fragen stellen, die wir heute noch nicht kennen, und sie werden beurteilen, was unsere Antworten für sie offenlassen.

Wir können ihre Zeit nicht entwerfen. Aber wir können uns bewusst machen, dass unsere Entscheidungen über die eigene Gegenwart hinausreichen. Wer baut, übernimmt Verantwortung für eine Welt, die andere mit uns teilen und nach uns weitergestalten werden.

Vielleicht beginnt die Suche nach einer Architektur unserer Zeit deshalb mit einer Haltung des Zuhörens. Sie verlangt den Blick zurück, um Zusammenhänge zu erkennen. Sie verlangt Aufmerksamkeit für das Leben der Gegenwart, auch dort, wo es widersprüchlich ist. Und sie verlangt die Offenheit, dass kommende Generationen andere Antworten finden dürfen.

Welche Architektur geben wir also weiter? Eine endgültige Antwort wird es kaum geben. Vielleicht liegt ihre Qualität gerade darin, dass sie aus einem bewussten Verständnis ihrer Zeit entsteht und dennoch Teil einer Geschichte bleibt, die mit uns nicht endet.

Daniel Dalla Corte
Dalla Corte Architects

Weiterführende Informationen

Swiss Arc Award 2026: Siegerprojekte
Studio Foundations der ETH Zürich

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