Ein neues Material. Eine neue Technik. Eine Form, die es so noch nicht gegeben hat. Ein Haus, das mehr kann als das vorherige. Schneller geplant, genauer berechnet, besser gesteuert.
Doch ist das bereits Fortschritt?
Oder zeigt sich Fortschritt erst darin, was das Neue für unser Leben bedeutet?
Die Architektur hat sich immer verändert. Sie hat auf neue Möglichkeiten reagiert, auf andere Formen des Zusammenlebens, auf wirtschaftliche Bedingungen und gesellschaftliche Vorstellungen. Das ist notwendig. Eine Architektur, die nur wiederholt, was früher richtig war, verliert den Kontakt zu ihrer Zeit.
Aber auch das Neue kann den Kontakt zur Zeit verlieren. Dann, wenn es nur noch beweisen will, dass es neu ist.
Vielleicht liegt darin eine der Schwierigkeiten unserer Gegenwart. Wir verfügen über mehr Möglichkeiten als je zuvor. Wir können fast jede Form darstellen, Räume aus der Ferne steuern, Bilder erzeugen, bevor ein Gedanke ganz zu Ende gedacht ist. Wir können berechnen, vergleichen und optimieren.
Die Frage ist nicht mehr nur, was möglich ist.
Die Frage ist, was davon sinnvoll ist.
Fortschritt wird häufig mit Steigerung verbunden. Mehr Fläche, mehr Komfort, mehr Technik, mehr Individualität. Doch jede Steigerung hat eine Grenze, an der sie ihre Qualität verlieren kann. Ein Raum wird nicht automatisch besser, weil er grösser ist. Ein Haus wird nicht menschlicher, weil es auf jede denkbare Situation reagieren kann. Und eine Fassade wird nicht zeitgemässer, weil ihre Herstellung komplizierter ist.
Manchmal besteht Fortschritt darin, etwas wegzulassen.
Nicht aus Verzicht um des Verzichts willen. Sondern weil Klarheit entsteht, wenn wir unterscheiden, was unser Leben trägt und was es lediglich beschäftigt.
Ein Fenster kann Fortschritt bedeuten, wenn es nicht nur mehr Glas besitzt, sondern Licht, Aussicht und Rückzug in ein gutes Verhältnis bringt. Eine Wohnung kann Fortschritt bedeuten, wenn sie Veränderungen zulässt, ohne beliebig zu werden. Ein Umbau kann fortschrittlicher sein als ein Neubau, wenn er erkennt, welche räumlichen und kulturellen Werte bereits vorhanden sind.
Fortschritt ist dann keine Eigenschaft eines Gegenstands. Er ist eine Qualität von Beziehungen.
Zwischen Mensch und Raum. Zwischen Haus und Ort. Zwischen dem, was wir übernehmen, und dem, was wir verändern. Zwischen dem Wunsch des Einzelnen und der Welt, die wir miteinander teilen.
Damit berührt die Frage nach dem Fortschritt auch unsere Civiltà. Denn wir bauen nie nur für uns selbst. Jedes Haus steht an einer Strasse, in einer Nachbarschaft, in einer Landschaft. Es nimmt Material, Boden und Arbeit in Anspruch. Es verändert Blicke, Wege und Erinnerungen. Selbst das private Haus ist Teil einer gemeinsamen Wirklichkeit.
Fortschritt müsste deshalb auch daran zu erkennen sein, wie ein Gebäude sich zu dieser Wirklichkeit verhält.
Nicht daran, ob es sich unsichtbar macht. Und auch nicht daran, ob es laut seine Eigenständigkeit behauptet. Sondern daran, ob es einen eigenen Ausdruck findet, der den Ort ernst nimmt. Einen Ausdruck, der Gegenwart ist, ohne geschichtslos zu werden.
Unsere Cultura zeigt sich vielleicht genau dort: in der Art, wie wir mit dem Vorgefundenen umgehen. Ob wir das Alte nur als Hindernis betrachten oder als Träger von Erfahrung. Ob wir Landschaft als Kulisse nutzen oder als Gegenüber. Ob wir Materialien nach ihrem augenblicklichen Eindruck wählen oder danach, wie sie altern, repariert und weitergegeben werden können.
Fortschritt bedeutet dann nicht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er bedeutet, verantwortlich mit ihr weiterzubauen.
Das ist schwieriger als ein Bruch. Ein Bruch erklärt sich selbst. Das Weiterbauen verlangt Unterscheidung. Was soll bleiben? Was muss sich verändern? Was fehlt unserer Zeit, das ein Raum geben könnte?
Vielleicht brauchen wir heute keine Architektur, die uns ununterbrochen Zukunft verspricht. Vielleicht brauchen wir Räume, die uns helfen, in einer beweglichen Welt gegenwärtig zu sein.
Räume, die offen genug sind für Veränderung und bestimmt genug, um Halt zu geben. Häuser, die technisch klug sind, ohne Technik zum Inhalt des Lebens zu machen. Orte, die Individualität ermöglichen und dennoch Beziehungen nicht verhindern.
Fortschritt wäre dann keine Bewegung weg von dem, was war. Er wäre eine Bewegung hin zu einem genaueren Verständnis dessen, was wir brauchen.
Und vielleicht erkennt man ihn erst mit der Zeit.
Daran, dass ein Haus nicht nur neu funktioniert hat, sondern auch Jahre später noch selbstverständlich bewohnt werden kann. Daran, dass es Veränderungen aufgenommen hat, ohne seinen Charakter zu verlieren. Daran, dass es dem Ort etwas gibt, statt ihn nur zu benutzen.
Die Architektur unserer Zeit muss nicht so aussehen, wie man sich die Zukunft vorgestellt hat.
Sie muss unserer Gegenwart gewachsen sein.
Daniel Dalla Corte
Dalla Corte Architects